Seit den dunklen Tagen, da dem Marschall Pétain der Prozeß gemacht wurde, sind neunzehn Jahre vergangen. Und neunzehn Jahre lang war es ein unheimlicher Gedanke, daß der – auch damals schon sehr mächtige – General de Gaulle seinem politischen Gegner, der im Ersten Weltkrieg doch sein verehrter Chef gewesen war, das härteste Los nicht erspart hatte. Zum Tode verurteilt. Begnadigt. In der Haft gestorben. Dies erduldete der uralte Mann, der das Unglück hatte, Präsident des Vichy-Staates gewesen zu sein, aber auch das Verdienst, seinen Landsleuten viel Blut erspart zu haben, und an dem persönlich kein Fehl war. Und jetzt nach neunzehn Jahren läßt einer der Geschworenen des Petain-Prozesses ein wenig Licht in das Dunkel dringen.

„Als wir vierundzwanzig Geschworenen uns zurückgezogen, sagte uns der Präsident Mongibeaux: ,Meine Herren, die Beisitzer und ich selber fragen Sie: Würden Sie sich einigen können auf die Strafe einer fünfjährigen Verbannungf?‘ Wir sahen einander an, erstaunt und stumm.“

Was ließ den Präsidenten des Gerichts einen solchen Vorschlag machen – wenn nicht ein Wink de Gaulles? So lautet heute die Vermutung. Aber damals zeigten die Geschworenen, daß sie unabhängig waren, wie das Gesetz es befiehlt. Sie entschieden sich – zwölf Parlamentarier und zwölf Mitglieder der Résistance, darunter ein Kommunist – für die Todesstrafe. Eine einzige Stimme Mehrheit...

Es ist der Pariser Anwalt Gabriel Delattre, der hier seine Schweigepflicht bricht. Er teilte mit: „Als das Todesurteil festgesetzt war, ließen einige Geschworene ein Gnadengesuch unter uns zirkulieren: Siebzehn unterzeichneten. So haben die Geschworenen, die sich für den Tod aussprachen, sich einige Minuten später gegen den Tod ausgesprochen.“

Im französischen Strafgesetzbuch gibt es einen Artikel (378), der den Richtern und Geschworenen, übrigens auch den Ärzten und Priestern, Gefängnis- und Geldstrafen auferlegt für den Fall, daß sie ihre Schweigepflicht verletzen. Folglich hat soeben die Staatsanwaltschaft Klage gegen Maître Delattre erhoben, obwohl schon einmal in ähnlicher Weise ein Geschworener des Pétain-Prozesses anonym ausgeplaudert hatte: „Staatsanwalt Mornet, der gerade die Todesstrafe beantragt hatte, sagte mir: ‚Wissen Sie, ich habe den Tod verlangt, aber Sie müssen ja nicht zustimmen!‘...“

Neben der Frage, ob die Schweigepflicht für alle Fälle, auch für die historischen, gilt – und über den Pétain-Prozeß ist wahrlich mehr geschwiegen als gesprochen worden –, erhob sich in Paris die Neugierde, warum denn Maître Delattre nach neunzehn Jahren sein Schweigen brach. Etwa aus politisch-aktuellen Gründen?

Nein, der Herausgeber der Zeitschrift „Geschichte für alle“ hatte ihn gebeten, doch einmal etwas über den Pétain-Prozeß zu schreiben. Einfach so. Und jetzt ist Maître Delattre höchst erstaunt.

Nicht selten geschieht heute etwas, das von Bedeutung ist, „einfach so“ ... J. M–M