Die Deutsche Bundesbank in Frankfmt analysiert alljährlich in ihren Tätigkeitsberichten die wirtschaftliche Situation vornehmlich in konjunktureller und wa!irungspolitischer Hinsicht. Darüber hinaus begründet sie mit ausführlichen Erläuterungen ihre Politik im abgelaufenen Jahr. Dem Jahresbericht für 1963 entnehmen wir die folgenden Auszuge: )er Umschwung, der sich in der konjunkturellen wie in der monetären Entwicklung um die Mitte des Jahres 1963 durchsetzte, hing in erster Linie mit dem kräftigen und auch Anfang 1964 anhaltenden Anstieg der Auslandsnachfragä zusammen. Er war aufs engste mit den starken inflatorischen Vorgängen im Ausland verbunden. Der Anstieg der Preise in diesen Ländern hatte auch zur Folge, daß die ausländischen Wa ren in der Bundesrepublik an Konkurrenzfähigkeit verloren; im Gegensatz zu der sich kräftig belebenden Ausfuhr verlangsamte sich dadurch das Wachstum der Einfuhr. Der daraus resultierende Wiederanstieg des Überschusses im Warenund Dienstleistungsverkehr mit dem Ausland führte im Herbst 1963 erneut zu Überschüssen in der Bilanz der laufenden Transaktionen mit dem Ausland; damit begann wieder eine Quelle des Devisenzustroms zu fließen.

Die Wende in der Liquiditätsentwicklung resultierte vor allem daraus, daß von der Jahresmitte an zu der mit den Devisenzugängen verbundenen Verflüssigung in gleicher Richtung wirkende Kassen- und Verschuldungstransaktionen der zentralen öffentlichen Haushalte hinzukamen.

Unter währungs- und kreditpolitischen Aspet ten stellt daher die Verminderung des Nettokapitalimports, sei es durch Bremsen der Kapitaleinfuhr, sei es durch eine Stimulierung der Kapitalausfuhr, ein dringliches Problem dar. Ganj abgesehen von speziellen Maßnahmen, die auf diesem Gebiet zum Teil bereits ergriffen wurden, beziehungsweise geplant sind, sollte alles getan werden, was ausländisches Kapital fernhalten könnte. So erscheint es sowohl aus konjunkturellen als auch aus devisenpolitischen Gründen geboten, daß die öffentlichen Haushalt: ihre Defizite so klein wie nur irgend möglich halten und zudem bemüht sind, sie aus der inländischen Kapitalbildung zu finanzieren. Der Kreditpolitik bleiben so lange enge Grenzen gesetzt, als bei Überschüssen in der laufenden Rechnung der Zahlungsbilanz der ausländischs Kapitalzustrom anhält und bei jeder Erschwerung der Kreditaufnahme im Inland infolge der vollen Aufrechterhaltung der Liberalisierung des grenzüberschreitenden Kapitalverkehrs mit einer verstärkten Kreditaufnahme im Ausland gerechnet werden muß, die die Wirkung kreditpolitischer Maßnahmen im Inland überspielen würde. Im zweiten bis vierten Quartal 1963 übertrafen die bei der Industrie eingegangenen Exportorders den entsprechenden Vorjahresstand um 18 bis 22 Prozent; in den ersten Monaten von 1964 setzte sich diese Zunahme ungeschwächt fort. Im Jahre 1963 betrug die Warenausfuhr 58 3 Milliarden DM; sie übertraf den Vorjahrswert um 10 Prozent. In den ersten Monaten von 1964 setzte sich die Ausfuhrsteigerung verstärkt fort. Der Überschuß im Warenverkehr erhöhte sich daher von 3 5 Milliarden DM im Jahre 1962 auf 6 Milliarden DM im Jahre 1963. Die Bundesbank hat in dieser Zeit keine wesentlichen kreditpolitischen Maßnahmen ergriffen. Die im Ganzen unveränderte Anwendung der kreditpolitischen Instrumente im Jahre 1963 bringt zum Ausdruck, daß die Bundesbank die kreditwirtschaftliche Entwicklung ungehindert der Auswirkung der Markttendenzen aussetzen wollte. Sie hat weder der Liquiditätsanspannung im ersten Halbjahr 1963 noch in der zweiten Jahreshälfte einsetzenden Verflüssigung entgegenzuwirken versucht. Die abwartende Haltung war nicht zuletzt deshalb angezeigt, weil die Verminderung der freien Liquiditätsreserven der Banken kreditpolitisch durchaus erwünscht war.

Die bewußte Zulassung einer allmählichen, aber spurbaren Liquiditätsverknappung war in diesem Zeitraum auch insofern gerechtfertigt, als sie den allgemeinen wirtschaftspolitischen Zielen durchaus entsprach. Sie stand sowohl im Einklang mit der außenwirtschaftlichen Entwicklung, die im ersten Halbjahr 1963 noch durch ein Defizit in der Bilanz der laufenden Posten — nicht allerdings in der Kapitalbilanz — gekennzeichnet war.

Sie war aber auch mit der konjunkturellen Entwicklung vereinbar; das Übergewicht der Nachfrage war noch nicht auf allen Märkten beseitigt. Mit dem Umschwung in der Liquiditätsentwicklung Mitte 1963 bahnte sich allmählich ein Widerstreit zu den kreditpolitischen Zielen an. Der Liquiditätszustrom war in hohem Maße eine Folge der Überschüsse im Zahlungsverkehr mit dem Ausland, die im zweiten Halbjahr 1963 nicht nur aus dem Aktivsaldo der Kapitalbilanz, sondern nunmehr auch wieder aus dem Überschuß in der laufenden Rechnung resultierten. Maßnahmen zur Einengung der Bankenliquidität wären bei der vollen Freizügigkeit des Kapitalverkehrs mit dem Ausland wahrscheinlich durch verstärkte Kreditaufnahmen im Ausland aufgewogen worden; sie hätten daher an dem Liquidisierungsprozeß im Inland kaum etwas geändert, wohl aber hätten sie den Devisenzustrom noch weiter verstärkt. Die Kreditpolitik sah sich damit erneut dem Konflikt zwischen ihren Binnen- und außenwirtschaftlichen Zielen ausgesetzt.