Von Thomas von Randow

Der Weg zur Entzifferung des genetischen Codes dürfte jetzt geebnet sein“, erklärte der Tagungsleiter nach dem Vortrag, den kürzlich der indische Chemiker Dr. Mathai Jacob beim Jahrestreffen der Experimental-Biologen in Chikago gehalten hat. Dr. Jacob gehört einem Forscherteam der Universität Wisconsin an, das sich die Synthese biologisch aktiver Erbsubstanz zum Ziel gesetzt hat. Dieses Ziel, das ging aus dem Vortrag hervor, ist nunmehr erreicht. Genauer: Es gelang den Wissenschaftlern, einen sehr kleinen Teil des Moleküls der Nukleinsäure DNS künstlich herzustellen, jenes Stoffes, der bei allen Lebewesen die Weitergabe der Erbinformation bewirkt, von Zelle zu Zelle und von einer Generation zur nächsten.

Die langen verwickelten DNS-Kettenmoleküle in den Chromosomen steuern vom Zellkern aus die Eiweißproduktion, die außerhalb des Kerns in den sogenannten Ribosomen stattfindet. Hier werden die Katalysatoren des Lebens hergestellt, die „Enzyme“, Eiweißkörper, welche die chemische Arbeit der Zelle regeln. Dazu gehört unter anderem auch die Reproduktion der DNS bei der Zellteilung und damit die Vererbung der Fabrikationspläne an die Tochterzellen.

Viele Einzelheiten dieses Prozesses sind bereits erforscht und für viele andere gibt es plausible Hypothesen. So weiß man, daß die Instruktionen, die in den DNS-Molekülen fixiert sind, den Proteinfabriken durch Boten überbracht werden, durch Moleküle einer anderen Nukleinsäure, der RNS.

Bekannt ist im Prinzip, wie die Eiweißkörper aus 24 Baustein-Typen, den Aminosäuren, nach den überbrachten Bauplänen zusammengesetzt werden. Auch weiß man, daß diese Instruktionen in einem Alphabet aus vier Buchstaben formuliert sind, aus vier verschiedenen molekularen Bestandteilen der DNS, den sogenannten „Basen“.

Doch der Code, in dem die Produktionsanweisungen für die Eiweißfabrikation verschlüsselt sind, ist noch unbekannt. Spitzfindige Überlegungen und Experimente haben zwar zu der Vermutung geführt, daß die einzelnen Aminosäuren jeweils mit einem Basen-Triplett bezeichnet werden, also mit Wörtern aus drei Buchstaben, aber niemand kennt das Wörterbuch, niemand weiß, welcher Eiweißbaustein einem gegebenen Triplett entspricht.

Für die Lösung dieses Problems stehen theoretisch zwei Wege offen: Man könnte die Struktur eines DNS- oder RNS-Moleküls untersuchen, also die Reihenfolge der Basen in der Kette feststellen und das Resultat dieser Analyse mit der Eiweißart vergleichen, die auf Anordnung jenes Moleküls entsteht. Dieses Untersuchungsverfahren ist aber mit den gegenwärtig verfügbaren Mitteln undurchführbar.