Washington, im Mai

Am 8. April hat sich der nach Peking zurückberufene chinesische Botschafter in Warschau, Wang Ping-nan, liebenswürdig von seinem amerikanischen Kollegen John M. Cabot verabschiedet. Die beiden Diplomaten hatten gerade das 120. amerikanisch-chinesische Botschaftergespräch seit 1954 hinter sich gebracht; diese Unterhaltungen hatten in Genf nach jener Konferenz begonnen, die den französischen Indochina-Krieg beendete und waren später in Warschau fortgesetzt worden.

Wang Ping-nan, der aus der Schule Ministerpräsident Tschu En-lais stammt, hatte nacheinander drei amerikanischen Botschaftern gegenüber gesessen: Johnson, Beam und Cabot. Er ist ihnen allen stets ein angenehmer, wenn auch völlig unverbindlicher Gesprächspartner gewesen. Nach der letzten Zusammenkunft im April bedeutete er sibyllinisch wie immer: „Wir glauben, daß die jetzt zwischen China und den USA bestehenden Meinungsverschiedenheiten gelegentlich beigelegt werden können.“ Floskeln dieser Art hatte er schon oft gebraucht, doch auch nach der jüngsten Zusammenkunft konnte daran lediglich die resignierende Feststellung geknüpft werden: An der Feindschaft zwischen Peking und Washington hat sich nichts geändert. Doch reißt auch der Draht zwischen den beiden Hauptstädten nicht ab. Das 121. chinesisch-amerikanische Botschaftergespräch ist auf den 29. Juli anberaumt worden.

Auf dem Stuhl Botschafter Wang Ping-nans wird dann Botschafter Wang Kuo-chun sitzen, der seit 1957 in Ostberlin akkreditiert war. Vorher hatte er als Gouverneur der Provinz Jehol und zeitweilig auch als Politkommissar in der chinesischen Volksarmee gedient, doch hat er keine hervorragende Parteifunktion innegehabt. Es wäre daher voreilig, auf die Fortsetzung der Botschafterbegegnungen besondere Hoffnungen zu setzen.

Diese Begegnungen haben seit zehn Jahren durchschnittlich einmal im Monat stattgefunden. Sie stellten einen sehr kontinuierlichen Kontakt zwischen den USA und der Volksrepublik China her. Doch ist die Frage berechtigt, warum die Amerikaner in einer Periode akuter Spannungen zwischen Moskau und Peking bei den Botschaftergesprächen bisher keinen erkennbaren Versuch unternommen haben, die Volksrepublik China ein wenig auf ihre Seite zu ziehen. Umgekehrt läßt sich freilich auch fragen, warum die kommunistischen Chinesen ihrerseits nicht die geringste Regung zeigen, ihr Verhältnis zu Amerika angesichts der Moskauer Feindseligkeit ein wenig zu verbessern.

So wenig bewegt von Neuigkeiten oder Entwicklungen die Beziehung der USA zu Peking auch sein mag, so konzentriert ist doch die ständige Aufmerksamkeit, die Amerika der zweiten kommunistischen Weltmacht schenkt. Das gilt in dieser Phase der Auflösung des „kommunistischen Blockes“ noch mehr als zuvor.

Die Botschaftergespräche mögen bisher nur wenige greifbare Ergebnisse zutage gefördert haben, doch haben sie seismographisch korrekt aufgezeichnet, wo Chancen und Risiken beim Umgang mit dem kommunistischen China liegen. Dreiundsiebzigmal wurde über die Freilassung der seit dem Koreakrieg in China verurteilten Amerikaner (abgeschossene Flieger, wegen „Spionage“ verurteilte Geschäftsleute) resultatlos gesprochen; 26 dieser Amerikaner sind nach Verbüßen ihrer Strafen heimgekehrt, vier befinden sich noch in chinesischen Gefängnissen. Über hundert chinesische Staatsbürger, die anfänglich nicht aus den USA ausreisen durften, weil sie während des Krieges in ihrer Beschäftigung rüstungswichtip Kenntnisse erworben hatten, haben von dem schließlich gewährten Repatriierungsrecht Gebrauch gemacht.