Die Kursbewegungen am Aktienmarkt waren in den letzten Wochen „enttäuschend“, es ging eher ab- als aufwärts. Die große Frühjahrsabschlußwelle neigt sich ihrem Ende zu; sie hat in ihrer Qualität den Erwartungen entsprochen, die sich die Börse seit Monaten gemacht und deshalb auch in den Kursen zum Ausdruck gebracht hat. Berufshandel und Publikum hatten sich kräftig an den Aktienkäufen beteiligt und so zu der allgemeinen Anhebung des Kursniveaus beigetragen. Jetzt, da neue Anregungen ausbleiben, erlischt auch das Interesse, und es wird versucht, Kursgewinne zu realisieren. Derweil geht der Konjunkturaufschwung weiter. An der Börse fragt man sich, bis zu welchem Punkt er in den Kursen von heute schon eskomptiert ist. Daß die Kurse tatsächlich der Konjunktur vorangelaufen sind, wird von keiner Seite bezweifelt. Übereinstimmung besteht aber auch, daß eine eventuelle Verstärkung der konjunkturellen Aufwärtsbewegung (durch eine neue Investitionswelle) den Kursen einen weiteren Auftrieb geben müßte. Deshalb der ständige Blick nach Bonn, wo man der Konjunktur Zügel anlegen möchte.

Es muß bezweifelt werden, ob selbst unter günstigsten Konjunkturvoraussetzungen die deutschen Börsen aus eigener Kraft zu einer Aufwärtsbewegung großen Stils anheben können. Der ständige Aderlaß durch Kapitalerhöhungen wird sich bemerkbar machen. Daher gewinnt das Verhalten der internationalen Anleger Bedeutung, die gerade wieder an den deutschen Aktien Geschmack zu gewinnen begannen, als die Bundesregierung die 25prozentige Kapitalertragsteuer auf den Rentenbesitz „Gebietsfremder“ ankündigte. Auch wenn die Aktien davon nicht betroffen sind, so ist die Verärgerung über einen solchen Schritt im Ausland doch so groß, daß die deutschen Aktien in Mitleidenschaft gezogen worden sind. Die Ausländer sehen in der neuen Steuer einen Bruch bestehender Verträge und fürchten, daß die Bundesregierung auf diesem Wege munter fortfahren wird. Ob diese Auffassung richtig oder falsch ist, spielt für die Börse eine untergeordnete Rolle. Sie muß in ihren Prognosen den eingetretenen Vertrauensschwund in Rechnung stellen. Deshalb sind die Hoffnungen auf eine Geschäftsbelebung an der Börse durch ausländische Interessenten vorerst gering.

Eine gewisse Ernüchterung hat es in der vergangenen Woche auf dem Montanmarkt durch die keineswegs überraschenden Dividendenkürzungen bei Mannesmann und Rheinstahl gegeben. Der Eisen-und-Stahl-„Boom“ hat sich also noch nicht so stark in den Kassen niedergeschlagen, daß sich ein Verzicht auf eine Dividendenkürzung hätte rechtfertigen lassen. Aus diesem Blickwinkel heraus verdient auch die Bemerkung von Professor Nordhoff (Volkswagenwerk) Beachtung, der sagte, daß sich bisher die Bestellungen für Eisenbleche noch auf der alten Preisbasis vollzögen. Ohne Zweifel geht es in der Eisen- und Stahlindustrie aufwärts, aber noch nicht so steil, wie es einige Börsenoptimisten glaubhaft machen wollten. Dabei soll das Kapitel „Dortmund-Hörder Hüttenunion“ noch unerwähnt bleiben, weil dieses Papier zum Spielball der Spekulation geworden ist. Nur soviel kann gesagt werden: Der Verlauf der Hauptversammlung hat kaum Ansatzpunkte für eine neue Aufwärtsbewegung des Kurses gebracht.

Bei den Werten der Großchemie bereitet sich die Börse auf die Kapitalerhöhungen (über die Ausgabe junger Aktien bzw. von Wandelanleihen) vor. An manchen Tagen merkt man das Bestreben der Banken, hier für ein gutes Emissionsklima zu sorgen. Mit einigermaßen stabilen Kursen konnten die Elektrowerke aufwarten. Der glänzende Telefunken-Abschluß war die beste Marktstütze. Dagegen erfüllte die Messe in Hannover bislang nicht die Erwartungen, die von der Börse an diese Veranstaltung geknüpft worden sind. Zumindest glaubte man mit einer kräftigen Aufwärtsbewegung der Maschinenbauaktien rechnen zu dürfen. Einige bescheidene Bewegungen gab es lediglich bei den Aktien der Demag, als der Öffentlichkeit der „U-Bahn-Tunnel-Maulwurf“ der Gesellschaft vorgestellt wurde.

Bankaktien traten in den letzten Wochen in den Hintergrund. Die Bilanzen brachten keine Sensationen, ebensowenig die Hauptversammlungen. Überdies sind die deutschen Großbanken zu einem erheblichen Teil zu Investmentfonds geworden, wenn man die beträchtlichen Bestände an Dividendenwerten betrachtet. Jede Kursbewegung vergrößert oder verringert bei ihnen die „stillen“ Reserven, was die Börse naturgemäß in den Kursen der Bankaktien zum Ausdruck zu bringen versucht. Bei der Dresdner Bank haben sich die Beteiligungen an namhaften Aktiengesellschaften im vergangenen Jahr von 200 auf 360 bis 380 Millionen erhöht.

In letzter Zeit mehren sich nun die unangenehmen Dividendenüberraschungen. Das ist mit Fortschreiten der Jahreszeit kein Zufall. Im späteren Jahresverlauf pflegen auch die Gesellschaften mit weniger glänzenden Entwicklungstendenzen ihre Abschlüsse zu veröffentlichen. Aber Dividendenkürzungen gab es bisher nur in Randgebieten. Daß es den Werften nicht glänzend geht, war bekannt. Deshalb hat die Dividendenkürzung bei der Deutschen Werft von 9 auf 4 Prozent nicht sonderlich überrascht, obwohl hier und dort gehofft worden war, das zum GHH-Bereich gehörende Unternehmen werde angesichts der bei ihm in den Boom-Jahren angesammelten Polster auf einen solchen Schritt verzichten. Bei Schiess ist die Dividende von 10 auf 8 Prozent und bei Reis & Handel von 8 auf 5 Prozent zurückgenommen worden. K. W.