Berliner Publizisten wagen ein Experiment – Wird das „Spandauer Volksblatt“, avantgardistisch?

Berlin

durch langen kalten Kriegerwaffenruhm verkühlten Gemüter etlicher (man weiß nicht, wie vieler Berliner, die Temperaturen schwanken) sollen entkrampft werden. Aus Spandau weht der warme Wind, aus den Seiten einer bisher für die 175 000 Einwohner dieser kleinen Kapitale bestimmten Tageszeitung. Der wärmende Nordwestpassat bläst schon seit etwa einem Jahr. Damals begann den Zeitungsmachern im „Spandauer Volksblatt“ die Aufmerksamkeit anderer Teilstädter aufzufallen. Sie hörten Fragen, vernahmen Interesse auch aus der Nähe des Rathauses. Wie kommt man an euch ’ran? Aber in die Kioske von Reinickendorf bis Neukölln verflog sich damals kaum ein Exemplar; und wer entschließt sich schon, ruckartig das Abonnement der Stammzeitung zu wechseln?

Als dann der Presse-Herkules am Passierscheinscheideweg stand, haben die Spandauer als einzige durchgehend Charakter gezeigt, ohne von der risikolosen Möglichkeit des Umfallens Gebrauch zu machen: Passierscheine her, und kein Wort anders. Die noch latente Aufmerksamkeit trieb dem akuten Stadium zu: Als am 15. Oktober die Philharmonie mit Sekt und geballter Neugier eingeweiht wurde, trafen die Partner frontal aufeinander, die Spandauer Spitze, Verlagsleiter Schasiepen und Chefredakteur Höppner, auf den Friedenauer Günther Grass, der wie andere den überwiegenden Teil der Berliner örtlichen Presse längst mit öffentlichem Mißwollen betrachtete.

Die Treppe zum Ruhm

Als nun die Konjunktion zwischen Dichter Grass und Spandauer Spitze hergestellt, stellte sich heraus, daß ersterer entschlossen war, eine beträchtliche Portion an taktischem Sinn anzuwenden. Nicht bloß auf seinen Schultern allein sollte das Werk ruhen, durch Hoffnung (für die Sache), Ehrgeiz (für die Person) und Spaß am neuen publizistischen Spiel angetrieben, fanden sich andere Federn in der Redaktionsstube ein: Gerhard Schönberner, Volker Klotz, Klaus Wagenbach, Wolf gang Neuß, Martin Kessel fingen alsbald an, Berichte, Beobachtungen, Meinungen, Aphorismen und polemische Fanfaren in die typographisch noch etwas hausbacken angerichteten Seiten zu streuen.

Das Führungsteam ist nunmehr überzeugt, daß junge Talente die Treppe zum Ruhm erkennen. Bevorzugt werden die, die Leidenschaft als Mitgift zum Talent nachweisen. So, den süßen Vogel öffentlicher Anteilnahme im Redaktionskäfig, zog man in der letzten Woche auf den Kurfürstendamm, zum Café Zuntz, nähe Joachimsthaler Straße. Die Munition war die Ausgabe Nr. 5444, 19. Jahrgang, Unterzeile Havelländische Zeitung, unabhängig. Die reitenden Boten waren die Herren Gruner, Herbst, Grass, Neuß und die Schauspielschülerin Lena Dillmann. Im Hof parkte ein Lieferwagen mit Zeitungsstapeln und Erfrischungstheke. Dunkelblaue Matrosenmützen, von Schasiepen eigenhändig im Spandauer Einzelhandel für Binnenschifferbedarf ausgewählt und mittels eines Streifens mit der Aufschrift „Spandauer Volksblatt“ in Dienstkopfbedeckungen umgewandelt, schmückten die Prominenten, als sie um 15.30 Uhr mitteleuropäischerZeit auf die Straße traten, sofort umkreist von Kameras, Kinderwagen, Kennern und Käufern, zufälligen und solchen, die auf Flüsterparolen zusammengeströmt waren, beobachtet auch von Kundschaftern anderer Berliner Zeitungsherren. Doch ist bis heute nicht erforscht worden, ob die mutige Frage „Ham Sie auch das ‚Neue Deutschland‘?“ aus diesen Kreisen stammte. Hörbar soll sie gewesen sein.