Respektlose Betrachtung eines Rheinländers über die Freie und Hansestadt Hamburg und ihr Rathaus

Von Heinz D. Stuckmann

Der Eingang wäre eines Schlosses würdig: kunstgeschmiedetes Gittertor, heller Sandstein, verspielte Kandelaber, eine Gedenktafel aus Bronze. Ich sehe, wie immer, nur die beiden Messingbriefkästen rechts und links. Es sind ganz normale Briefkästen: „Nächste Leerung um ...“ Aber sie sind aus Messing, sind, wie immer, auf Hochglanz poliert, und ich habe, wie immer, meine Freude daran.

Der Eingang führt in die Rathausdiele, der zivile Eindruck verwischt sich wieder. Sechzehn dicke Sandsteinsäulen tragen das Sterngewölbe. Die Medaillons hiesiger Honoratioren schauen herab. Rechts steigt, flankiert von übergroßen eisernen Wappenlöwen, die Treppe zum Senatsbezirk empor. Das schmiedeeiserne Portal ist heute geschlossen. Denn: „Karten für die Führung hier“, hallt es durch die Diele. Heute ist nur Führung. Und das Portal zur Rechten öffnet sich nur dann, wenn Senatssitzung ist oder der Senat Gäste empfängt. Heute kommen nur Herr Lorenz, Frau Meier und ich. Uns bleibt der linke Aufgang – eine Nuance weniger pompös.

„Nächste Führung um elf Uhr!“ Der das sagt, hat einen dunkelblauen Anzug an und eine dunkelblaue Mütze auf. Um den Mützenrand liegt ein goldenes Tressenband. Weißes Hemd und schwarzer Binder demonstrieren bürgerliche Solidität, rote Kragenspiegel und goldene Sterne Amtsgewalt. Der hinter dem großen Stehpult aus Großvaters Kontor (und nicht Büro, nicht einmal Bureau) ist genauso erhaben gekleidet, obwohl er nur Eintrittskarten für die „Besichtigung des Rathauses an Sonn- und Feiertagen und durch Vereine“ verkauft – das Stück für 25 Pfennig. Ich erwerbe die Karte Nr. 48 449, und der Herr sagt: „Sie haben noch zehn Minuten Zeit...“

So trete ich auf den Hof hinaus, den man den „Ehrenhof“ nennt. Wo man Kaleschen erwartet, stehen Mercedes, Opel und VW beieinander. Die Figuren des Brunnens, so nackt wie allegorisch, zeigen 19. Jahrhundert. Die Brautpforte dagegen – der ehemalige Eingang zum Standesamt – ist zeitlos in Form und Inhalt: Adam und Eva stehen einander gegenüber. Nur – die Eva, die im Rheinland schelmisch-verführerisch lächeln würde, blickt mit dem Apfel in der Hand recht trübsinnig zu ihrem Zukünftigen hinüber, obwohl sie das bei ihren durchaus ansprechenden Formen nicht nötig hätte. Aber das ist es wohl, was den Norden vom Rheinland unterscheidet: Man ist hier realistischer – auch auf dem Weg zum Standesamt.

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