Aktenstück. Plötzlich aber hielt er inne und hob den Kopf.

"Das, was ich vorhin hier erlebte, war sehr unangenehm. Es erinnerte mich an Auschwitz. Wenn dort zwei Häftlinge zusammenstanden und miteinander gesprochen haben, dann witterten die SS Leute auch gleich eine Verschwörung. Verzeihen Sie mir bitte, daß ich das gesagt habe " Und, resigniert fast, betroffen von der Aufrichtigkeit dieses unerwarteten persönlichen Zeugnisses, erwiderte Hofmeyer mit gesenktem Kopf nur: "Bitte schön!" Vorausgegangen war dies: Einige Verteidiger, darunter auch Hans Laternser, hatten von Boratynski wissen wollen, in welchem Frankfurter Hotel er wohne und ob er sich vor seinem Auftreten im Gerichtssaal etwa mit anderen Zeugen "abgesprochen" habe, ob ihn einer seiner ehemaligen Kameraden angewiesen hätte, was er aussagen sollte. Helle Empörung hatten diese Fragen bei den Staatsanwälten und bei den Zuschauern ausgelöst. Hofmeyer hatte Mühe gehabt, die Erregung zu dämpfen. Der Unmut über eine derart unsachliche Befragung hielt noch an, als der Zeuge den Vorsitzenden bat, etwas dazu sagen zu dürfen. Und dann fiel jener Satz. Zwei Minuten darauf ging der Prozeß, die Vernehmung des Krakauers Boratynski, weiter — so, als wäre nichts geschehen, als hätte dieser Satz nicht wie ein Bombe eingeschlagen, als hätte er nicht vor allem einen Mann treffen müssen: den Rechtsanwalt Dr. Hans Laternser. Und als hätte nicht jeder Geschworene, jeder Zuschauer in diesem einen Augenblick voller Scham, aus Mitgefühl den Atem angehalten: Auschwitz im AuschwitzProzeß? Nach zwanzig Jahren noch die gleiche Furcht, immer noch die Angst, bespitzelt und "bestraft" zu werden? Jeder wußte natürlich, der Zeuge hatte übertrieben, er hatte sich in diesem Moment von seiner berechtigten Empörung hinreißen lassen. Aber jeder auf der Geschworenenbank, in den Zuschauerreihen, auf der Presseempore teilte doch wohl insgeheim den Zorn dieses Zeugen, verstand seine Verbitterung, hatte Mitgefühl mit seinem Entsetzen, das ihn seit zwanzig Jahren nicht mehr losläßt. Stefan Boratynski war von Boger gefoltert worden. Einmal war er schon in den Waschraum des Blocks 11 getrieben worden, in dem sich die Häftlinge nackt ausziehen mußten, um dann an die "Schwarze Wand" geführt und mit einem Genickschuß abgeknallt zu werden. Nur, weil einer zuviel unter Bogers Todeskandidaten war, kam der Pole damals mit dem Leben davon, steht er nun im Frankfurter Gerichtssaal vor dem Zeugentisch.

Ruhig, verhalten, berichtete der Zeuge von den Qualen. In seiner Stimme war keine Spur von Haß, von der Chance, endlich Rache nehmen zu können für all die unsägliche erlittene Pein. Nicht er oder einer seiner Kameraden sind Schuld daran, daß es gerade in diesem Prozeß zuweilen turbulent zugeht; daß es gelegentlich so aussieht, als seien hier die Zeugen die eigentlichen Übeltäter, die wahren Schuldigen, die Verantwortlichen für dieses monströse Verfahren. Stefan Boratynski war nur einer von denen, die ihrem Herzen einmal Luft machen wollten, angewidert von den beschämenden Zwischenfällen, die sich an diesem Tage während der Verhandlung zugetragen hatten. Und nicht nur an diesem Tag des Auschwitz Prozesses. Schon zu Beginn dieses Verfahrens war klar geworden, daß hier ein Prozeß im Prozeß stattfand, ein Streit im Streit um die Wahrheitsfindung, um die Suche nach einem gerechten Urteil.

Die Initiatoren so manchen Theaterdonners, so mancher hitzigen Szene sind zwei Anwälte, von denen keiner darum verlegen ist, sich jederzeit einen " großen Auftritt" zu verschaffen: Dort, auf dem ersten Stuhl in der Reihe der Verteidiger, Dr. Hans Laternser, seit den Nürnberger Kriegsverbrecher Prozessen so etwas wie ein Staranwalt in diesem Metier;hier, neben der Bank der Staatsanwälte, der SED ProfessorYzWnch Kaul, Ulbrichts Kronjurist für Kommunisten, die vor westdeutschen Gerichten stehen. Diesmal verteidigt Laternser die Akademiker unter den Angeklagten, die Ärzte Capesius, Frank und Schatz, dazu noch Broad und Dylewsky. Kaul tritt als Nebenkläger auf. Sie mögen sich nicht, diese beiden Kontrahenten, die sich im Theatersaal des "Gallus" Hauses nun schon seit vielen Wochen gegenübersitzen, wie zwei Wachhunde, immer zum Sprung bereit. Hat Kaul etwas an der Verteidigung auszusetzen, meint er immer nur den " Herrn Doktor Laternser". Ein sarkastischer Unterton ist in seiner Stimme, wenn er auf seinen Widerpart zu sprechen kommt. Die Sympathien des Pulbikums — sind zumeist auf seiner Seite —so, wenn er die polnischen Zeugen vor den diskriminierenden Fragen Laternsers in Schutz nimmt; wenn er sich mit zynischer Wortgewandtheit zum Hüter der " Würde dieses Hauses"aufspielt; wenn er, geschickt jede Chance nutzend, als Verteidiger des " Rechtes und der Ehre"auftritt. Er, der so ganz andere Vorstellungen von Recht hat, als jeder andere in diesem Saal Laternser aber sorgt dafür, daß die Zuschauer vergessen, wer dieser Friedrich Kaul ist, woher er kommt und für welche Art von Recht er eintritt. Immer wieder trägt er unfreiwillig dazu bei, daß sein Gegenspieler besser abschneidet als er selber: Pech hatte Laternser, der von Anbeginn an die Rolle des Sprechers, des Antreibers unter den Verteidigern übernommen hat, schon mit dem Antrag, seinen Gegenspieler Kaul aus diesem Verfahren auszuschalten. Das Gericht ließ den Ostberlmer Anwalt Kaul dennoch zu. Vergebens protestierte Laternser auch dagegen, daß der von dem SED Staatsanwalt als Gutachter vorgeführte Ostberliner Wirtschaftsprofessor Jürgen Kuczynski geladen wurde. Erst als sich herausstellte, daß der Ordinarius an der HumboldtUniversität Halbwahrheiten von sich gab, wurde er abgewiesen.

Auch sonst hatte der leicht erregbare, angriffslustige Verteidiger bisher nur selten Glück mit seinen Forderungen an das Gericht: Er war gegen die Verlesung des Berichtes, den sein Mandant Perry Broad nach dem Kriege in einem englischen Gefangenenlager über die Zustände in Auschwitz niedergeschrieben hatte. Der Antrag wurde abgelehnt. Er war dagegen, daß der Wiener Arzt Otto Wolken bei seiner Zeugenaussage aus seinen Auschwitz Aufzeichnungen zitierte. Der Antrag wurde abgelehnt. Er verlangte, daß dem anderen Nebenkläger, dem Rechtsanwalt Henry Ormond, untersagt werde, Fragen an die Angeklagten zu stellen. Er mußte sich von dem Vorsitzenden darüber belehren lassen, daß dies allein Sache der Angeklagten sei, nicht aber des Gerichts. Er legte gleich zu Beginn des Prozesses Beschwerde gegen das "nicht ordnungsgemäß" zusammengesetzte Schwurgericht ein. Darüber wird noch verhandelt. Aber der Mann, der schon in Nürnberg von sich reden machte, wo er 1946 vor dem Internationalen Militärgerichtshof den "Generalstab und das OKW" verteidigte, der in jüngster Zeit Anwalt des Professors Kurt Leibbrand war und der nun Otto Hunsche zu seinen Mandanten zählt, den ehemaligen Mitarbeiter Adolf Eichmanns — dieser auf solche Prozesse mittlerweile spezialisierte Jurist weist jeden Vorwurf, er sei ein Mann der Rechten, weit von sich "Ich bin ein Mann der gemäßigten Mitte", so kontert er solche Klassifizierung und zeigt, wie um sich zu rechtfertigen, auf einen mit Akten übersäten Tisch in seinem Büro: "Da, sehen Sie, lauter Zivilsachen " Warum er gerade SS Männer verteidigt? "Jeder Angeklagte hat das Recht auf einen Anwalt Warum also nicht auch jene, die im Auschwitz Prozeß auf der Anklagebank sitzen, warum nicht auch Hunsche, Leibbrand und wie sie alle heißen, die damals doch nichts anderes taten, als Befehle auszuführen, in Treue fest zu "Führer, Volk und Vaterland" .

Doch sind es gar nicht so sehr seine Mandanten, die dem Frankfurter Anwalt Hans Laternser seinen Ruf eintrugen. Es ist eher schon die Art, wie er sie verteidigt, die Manier, wie er im Gericht auftritt, die manche Zuhörer zum Lachen reizen, manchen Kollegen zu ironischer Kritik ermuntern. Kein Wunder, so wird behauptet, er war ja auch einmal Opernsänger, er soll sogar, im Mainzer Stadttheater, aufgetreten sein. Daher etwa seine imposanten, effektvollen Posen? Daher vielleicht die rhetorisch theatralische Gabe, mit leiser, einschmeichelnder Stimme anzusetzen, um sich sodann, von Satz zu Satz, in ein immer lautstärkeres Furioso von Wortfetzen und Halbsätzen hinaufzusteigern? Dies sind Laternsers große Augenblicke: der Körper schräg über den Tisch gebeugt, den Finger auf den gerichtet, den er gerade attackiert, wie ein Triumphator um sich blickend, sobald er am Ende seiner Rede ist, oder wie ein geschlagener Held davoneilend, wenn er zur Ordnung gerufen wurde. So geschah es schon dreimal in diesem Prozeß, daß Laternser den sonst so bedächtigen, sachlichen Vorsitzenden zu Zornausbrüchen reizte. Einmal, als es um das Fragerecht des Nebenklägers Ormond ging, reagierte Hofmeyer schroff: "Ich mache es Ihnen jetzt zum letzten Mal deutlich . Und jetzt bitte ich Sie, nicht langer zu, stören Als Laternser dennoch nicht von seinem Einspruch abließ, mußte er sich sagen lassen: "Und ich entziehe Ihnen jetzt das Wort " Beim zweitenmal, als Laternser behauptete, das Gericht behandle den einen Zeugen so, den anderen anders, geriet Hofmeyer derart aus der Fassung, daß er die Verhandlung abrupt unterbrach und den Verteidiger wie ein Ankläger scharf züngig zurechtwies: "Ich verbitte mir ein für allemal, daß Sie derartige Vorhaltungen dem Gericht unterstellen, es wurde mit zweierlei Maß messen. Ich weise das mit allem Nachdruck zurück" Sprachs, raffte seine Akten zusammen und stürzte wutentbrannt aus dem Prozeßsaal. Einen dritten Zusammenstoß mit dem Vorsitzenden riskierte Laternser, als er sich mit dem Ersatzrichter Hummerich anlegte. Es entspann sich folgender heftiger Dialog: Laternser: "Darauf werden wir noch mal zurückkommen — Hofmeyer: "Danach habe ich Sie nicht gefragt " — "Ich werde hier wohl noch etwas sagen dürfen?" — "Nein, nicht, wenn ich Sie nicht gefragt habe — "Doch, ich widerspreche — "Ich entziehe Ihnen jetzt das Wort. Das Gericht macht eine Pause Der Tumult war da, entsetzte Gesichter bei den Geschworenen, bei manchen Verteidigern, bei den Zuhörern. Und wieder hatte Hans Laternser eine Schlacht verloren. Aber eben die Schlacht eines Helden — so, wie er schon in seinen Plädoyers 1946 bei Militärgerichten aufgetreten war, sprachgewandt und mit einer besonderen Vorliebe für tönende Worte: "Seit Kains Zeiten ist aber auch schon die Forderung erhoben worden, daß bei der Suche nach Verbrechern nicht die Gerechten mit den Gottlosen umgebracht werden sollen Oder: "Diese Männer bangen nicht um ihr Leben — denn der Tod ist ihnen in jeglicher Gestalt vertraut — , sondern um die Gerechtigkeit Oder: Was den Befehlsgebern der Zerstörung Dresdens und Hiroshimas recht war, müsse dem Feldmarschall List "in den viel weniger verlustreichen Fällen billig sein".

So erklärt es sich denn wohl auch, daß der Oxforder Historiker Hugh Trever Roper den SED Professor Kaul und den Generals- Verteidiger Laternser in einer Würdigung des Frankfurter Prozesses (etwas voreilig) als "Feinde des neuen liberalen Deutschland" bezeichnete. Auch dem Engländer versuchte der Auschwitz Anwalt klar zu machen, warum er für fünf der Angeklagten das Mandat übernommen habe: "Meine Klienten handelten im Rahmen der bestehenden Gesetze, der Gesetze, die von der Gemeinschaft gebilligt worden waren. Sie sind deshalb unschuldig " Weder mit der schauspielerischen Attitüde des Mannes, der sich oft dem Pathos der großen Worte hingibt, noch mit dem weit hergeholten Argument, die Gesellschaft allein sei der Sündenbock für Auschwitz, wird Hans Laternser bei einem Richter wie Hans Hofmeyer Eindruck machen können. Nach 43 Verhandlungstagen läßt sich dies füglich voraussagen.