Ein Historiker und die verhinderte Diskussion um die Kriegsschuldfrage

Von Karl Heinz Jan Ben

Noch rechtzeitig zum 1. Mai fiel dem Deutschen Gewerkschaftsbund eine Kampfparole in den Schoß. Ein junger Historiker aus Amerika, David L. Hoggan der Deutschland von der Schuld am Zweiten Weltkrieg freigesprochen hat, wollte Anfang dieser Woche in Düsseldorf vor dem „Rhein-Ruhr-Club“ sprechen, also in der Nachbarschaft der DGB-Zentrale. Der DGB-Vorstand protestierte: „Es ist unverständlich, daß man in der Bundesrepublik einen Verteidiger Hitlers zu Vortragsveranstaltungen einlädt.“

Die Parallele, die sich jedem einigermaßen historisch bewanderten Gewerkschaftsmitglied aufdrängen mußte, lag auf der Hand: Hitler sprach 1932 vor dem Industrieklub, Hoggan 1964 vor dem Rhein-Ruhr-Club. Da Hoggan, seit einigen Jahren Aushängeschild der Neo-Nazis in der Bundesrepublik, in diesen Tagen in Burg an der Wupper einen „Leopold-von-Ranke“-Preis (10 000 Mark) und in Heidelberg einen „Ulrichvon-Hutten“-Preis (5000 Mark) entgegennehmen sollte, fragten sich schlaue Leute sofort: Woher kommt das Geld? Und die Antwort war schnell bei der Hand. Nun, woher sonst, als von der Industrie!

Zögern im Rhein-Ruhr Club

Der stellvertretende Club-Sprecher, der Industrielle Ernst Schroeder aus Dortmund, weist den Verdacht weit von sich, als seien die ominösen Preisverleihungen und der geplante Vortrag im Düsseldorfer Rheingoldsaal irgendwie gekoppelte Unternehmungen. (Die „Welt“ hatte sogar gemeldet, Hoggan solle im Rhein-Ruhr-Club öffentlich geehrt werden.) Schroeder räumt allerdings ein, daß ein Mitglied des Klubs vor Monaten den Vorstand darauf aufmerksam machte, daß Hoggan im Mai nach Europa komme. Ob man ihn nicht einladen wolle?

Man wußte also genau, wen man sich da aufhalste. Aber der Rhein-Ruhr-Club, eine „Vereinigung zum Studium politischer, wirtschaftlicher und kultureller Fragen“, hatte sich noch nie gescheut, „heiße Eisen“ aufzugreifen und auch Diskussionsredner einzuladen, die nicht unbedingt das Wohlwollen der Regierenden in Bonn genießen. Vor dem „Rhein-Ruhr-Club“ feuerte zum Beispiel in den fünfziger Jahren Reichskanzler a. D. Heinrich Brüning eine Breitsalve gegen Adenauers Außenpolitik. Einige Redner des letzten Vierteljahres: Freiherr von und zu Guttenberg, Rudolf Augstein, Professor von der Gablentz, Ludwig Rosenberg.