Von René Drommert

Frankreich, das in den letzten Jahren Talente wie Chabrol, Resnais, Truffaut, Godard, Malle, Marker präsentierte, hat sich mit „Cent mille dollars au soleil“, seinem ersten offiziellen Beitrag zu den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes, enttäuschend auf die kommerzielle Position zurückgezogen.

Der Regisseur Henri Verneuil, 1920 in der Türkei geboren, hat mit den Vertretern der nouvelle vague nicht viel mehr als die Herkunft vom Journalismus gemein. Er hat kürzlich in einem Interview mit Cinemonde erklärt, der oberste Gesichtspunkt seiner Arbeit sei dieser: nicht zu langweilen. Das klingt vortrefflich. Aber wo, um Himmels willen, ist denn schon ein Regisseur aufzutreiben, der einen langweiligen Film drehen will?

Natürlich ist das nicht ganz so harmlos gemeint, wie es auf den ersten Blick erscheint: Der Stich gilt den „Intellektuellen“, ihrem literarischen Film, dem Problemfilm, dem Experiment.

„Cent mille dollars au soleil“ spielt in Afrika, irgendwo zwischen Blida und Nigeria, seine Helden sind Fahrer von Fernlastern, harte, unerschrockene, zu Schlägereien bereite Burschen: Für eine Beleidigung wird eine Bar im Handumdrehen zerdeppert. Der Lkw-Fahrer Rocco (Belmondo) stiehlt einen Wagen mit kostbarer Ladung und braust davon, hat sechs Stunden Vorsprung (und sein Liebchen neben sich). Die Strecke ist 1700 Kilometer lang, nachts muß er, da er der einzige Fahrer im Wagen ist, schlafen. Im Lkw, der ihn verfolgt, sitzen aber zwei Fahrer, die einander ablösen, also keine Nachtruhe brauchen.

Auf die kurvenreiche Wettfahrt in der Wüste ist, da sie ohne Tricks aufgenommen sei, Verneuil besonders stolz. Man sieht, wo die Kulminationspunkte der Filmfabrikation liegen: Im Sport, in der Muskel-, freilich auch Mutbetätigung, man fühlt sich an Harry Piel und Hans Albers erinnert. Der Vergleich mit Clouzots „Lohn der Angst“ von 1951/52, in französischen Zeitungen zu finden, ist schief, vor allem zu hoch gegriffen.

Es ist nicht ganz richtig, hier von geistigem Ausverkauf zu reden, da ist viel eher Kettenreaktion oder Pendelschlag festzustellen: Die Nichtintellektuellen rächen sich an den Intellektuellen, und man weiß, wen und was sie meinen – Filme wie „Letztes Jahr in Marienbad“ mit ihrer anspruchsvollen, abgezirkelten Unwägbarkeit.