Die Salzburger Lokalpresse vermerkte ausdrücklich: keine besonderen Vorkommnisse. Farbenmützige Teilnehmer des Zwölften Deutschen Burschentages flanierten mit ihren Damen um die steinernen Zwergriesen des Mirabellgartens, SPÖ und KPÖ traten mit Umzügen zur Feier des 1. Mai "in Erscheinung", dreihundert Zahnärzte erörterten, die Prophylaxe der Paradontopathien und der prothetischen Rekonstruktionen im paradontalerfcrankten Gebiß, und fünfundsiebzig Schriftsteller, Literaturkritiker und Verleger aus dreizehn Ländern verteilten zum vierten Male zweimal zehntausend Dollar an ihresgleichen: den Internationalen Literaturpreis (an Nathalie Sarraute) und den Prix Formentor (an Gisela Eisner).

Langsam wächst beiden Preisen, die 1961 dem als verkalkt empfundenen Nobelpreis für Literatur an die Seite gestellt werden sollten, eine Geschichte zu. Jugendliche Unsicherheit wird ihnen nicht mehr lange zugutegehalten werden können. Der "große", der Internationale Literaturpreis, von dreizehn Verlagen gestiftet, von unabhängigen Jurys vergeben, hat Entschuldigungen auch nicht nötig; keiner seiner Entscheidungen braucht er sich zu schämen, die Liste seiner Träger — macht ihm Ehre.

Anders steht es um den "kleinen" Preis, den Prix Formentor, den die dreizehn europäischamerikanischen Verlagshäuser nicht nur aussetzen, sondern auch selber verteilen. Allerdings haben sie es auch schwerer; nicht die erwiesene Leistung wird von ihnen prämiiert, sondern das Versprechen, das ungedruckte Manuskript eines unbekannten Autors. Daß die Auswahl überdies begrenzt ist (es kommen nur Romane in Betracht, die sich zufällig bei einem der beteiligten Verleger eingefunden haben), macht ihr Risiko noch größer: das Risiko, daß sich eine riesige internationale Publizitätsapparatur — Festakte, Fernsehen, Werbepanegyrik — für Bücher in Bewegung setzt, die sich im Verhältnis zu dem Aufwand bei näherem Hinsehen zwergenhaft ausnehmen.

So wird sich der Prix Formentor von seiner einen eklatanten Fehlentscheidung (der Auszeichnung von Dacia Marami im Jahre 1962) so leicht nicht wieder erholen. Was er noch an Prestige genießt, verdankt er vor allem dem Umstand, daß er ständig mit dem anderen Preis verwechselt wird, dessen Renommee ihm solchermaßen mit zugute kommt.

Eine leichte Änderung der Satzung war nötig, m ihn in diesem Jahr der siebenundzwanzigjährigen Gisela Eisner zuteil werden zu lassen. Ihr "Beitrag" zum Verständnis der Gigantomanie des Spießers, "Die Riesenzwerge", war in Deutschland bereits erschienen, als sich die Verleger in Salzburg versammelten. Aber die Gutachter der ausländischen Verlage zeigten sich von dem Buch sehr viel mehr angetan als bislang die heimische Kritik — wie überhaupt die junge deutsche Literatur im Ausland ein Ansehen genießt, zu dem man sich in Deutschland selbst nur widerstrebend und unter ängstlichen Vorbehalten entschließen kann. So wurde in den Beratungen zu dem anderen Preis nicht nur — nach einem respektvollen Seitenblick auf Reinhard Lettau — ausführlich über Peter Weiss und vor allem über ausländische Teilnehmer, die junge deutsche Literatur sei heute die lebendigste und interessanteste der Welt, habe eine ansehnliche Reihe von "Spitzenleistungen" aufzuweisen, bei einem allerdings im Verhältnis schwachen Durchschnitt. Die deutsche Diskussion um Gisela Eisners "Riesenzwerge" steht noch aus; vielleicht aber sieht man doch noch beizeiten ein, daß dieses Buch, das dem Leser die bürgerlichen Lebensformen wie eine tote Ratte vor Augen hält, nicht einfach als eine Spekulation auf den Schock oder, unter Hinweis auf irgendwelche Anleihen bei dem oder jenem, als barer Eklektizismus abzutun ist.

Der Internationale Verlegerpreis dagegei wird mit einer Schwierigkeit anderer, interner Art fertigwerden müssen. Es zeigen sich, von Jahr zu Jahr deutlicher, die Nachteile der umständlichen und kostspieligen Verleihprozedur. Zwar hit man sich diesmal Uwe Johnsons mißbilligende Bemerkungen zu Herzen genommen und auf die wunderliche Atmosphäre von Strandhotel, Spielkasino und Kaisergedenkstätte verzichtet, in der sich letztes Jahr in Korfu die Konferenz abspielte. Der mondäne Touch aber fehlte auch in Salzburg nicht, Schlösser — Mirabell, Hellbrunn und die Neue Residenz — mußten es schon sein, und die Spesen dürften die ausgesetzten Preise wiederum beträchtlich überstiegen haben. Was schwerer wiegt, sind die Ermüdungserscheinungen, die sich in den Jurys ausbreiten. Jene aus den kleineren Ländern mit den anverständlicheren Sprachen sind mit Recht darüber erbittert, daß ihre Literaturen unter den gegebenen Umständen keine Chance haben: Niemand hat ihre Bücher gelesen, kaum einer kommt ihnen zu Hilfe.

Auch wird man es müde, in jedem Jahr dieselben Vorträge derselben Leute über dieselben Bücher anzuhören. Nach den langen Diskussionen um Vladimir Nabokov, der im vergangenen Jahr den Preis um ein Haar davongetragen hätte, hat es diesmal niemand mehr gewagt, seine Kandidatur abermals ernstlich vorzuschlagen Über den Kubaner Alejo Carpentier und den Polen Witold gehalten, die den meisten Teilnehmern sonderbar bekannt vorkommen mußten; ganz abgesehen davon, daß sich viele Plädoyers mit ihrer Abstufung von "interessant", "hochinteressant" und "mehr als interessant" ein wenig ähneln. Einfach die Tatsache, zu oft vorgeschlagen worden zu sein, kann also einen Schriftsteller um jede Chance bringen; dem großen Zerrede Mechamsmus wäre auf die Dauer keiner gewachsen. Immer wieder wurde in diesem Jahr darum Unmut laut. Wenn der Preis nicht der Gleichgültigkeit anheimfallen soll, werden die Organisatoren in Zukunft dafür sorgen müssen, daß manches anders gemacht wird: daß die Liste der Kandidaten (62 waren es in diesem Jahr) von vornherein beschränkt wird und daß alle Jurys die Bücher, über die gesprochen werden soll, vorher tatsächlich kennenlernen können — das vürde die hilflosen Inhaltsangaben, die vielen offiziellen Verlautbarungen zur Ehre der Nationei, die Verlesung von Gutachten, die ermunternden Hinweise an Verleger und Übersetzer überlüssig machen, und vielleicht käme es dann zu den Gesprächen, zu denen jetzt kaum noch Zeit bleibt und um derentwillen sich der Aufwand dann doch lohnen könnte — zu beliebig konkreten Gesprächen in einem immerhin einzigartigen Kreis von Literaten, wo sich die Ansprüche messen können.