Knapp eine Stunde dauert die Fahrt. 130 Kilometer weit rasen die Luftkissenboote von Hamburg die Elbe hinab zur Nordsee. Ein hoher Festtag, aber sie sind nicht über die Toppen geflaggt wie einst. Der Fahrtwind würde die Fahnen zerfetzen.

An Bord sind die Gratulanten zum 825. Geburtstag des Hamburger Hafens. Sie wollen das Jubiläum an Ort und Stelle feiern. Und an diesem 7. Mai des Jahres 2014 liegt der Hamburger Hafen 130 Kilometer von der Hansestadt entfernt — mitten im Meer.

Die Brandung der offenen See klatscht an kilometerlange Molen. Kleine Atomschlepper mit Fernsteuerung ziehen die unbemannten Container Schiffe in die tiefen Seebecken. Kein Mensch ist zu sehen. Aber der Hafen ist voll in Betrieb.

In der Mitte der Kais stehen dünne Betonpfeiler mit Glashäuschen darauf. Dort sitzt ein Mann vor elektronischen Schalttafeln. Hafenarbeiter mit Hochschulstudium und magerem Bizeps. Lässig drücken sie die Knöpfe: Einige hundert Meter entfernt schwenkt eine Verladebrücke aus; automatisch beginnt ein Getreideheber die 100 000 Tonnen Fracht aus einem Schiffsleib zu saugen; ein anderer Knopfdruck setzt die Pipeline für den nächsten Tanker in Gang So stellen sich Utopisten die Geburtstagsfeier des Hamburger Hafens in fünfzig Jahren vor. Ihre Gedanken sind von der Tatsache beflügelt, daß sich die Hansestadt Hamburg 130 Kilometer von der Alster entfernt direkt im Meer ein riesiges Reservat für einen neuen Hafen gesichert hat.

Durch die Brille eines vorsichtigen Beamten betrachtet, ist es mit jenen Utopien nicht weit her. Der Erste Baudirektor Dr. Laucht der Hamburger Strom- und Hafenbaubehörde betonte kürzlich: "Wir sehen gar kein Bedürfnis, vorZwischen dieser Skepsis und jener Projektion liegt die Wirklichkeit. Eine Wirklichkeit mit langer Vorgeschichte. Im 14. Jahrhundert hatte Hamburg zur Sicherung seiner Schiffahrt einen Teil des Gebiets bei Cuxhaven gekauft. In den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts drängte das Bundesland Niedersachsen die Hansestadt auf Abtretung der Enklave in Cuxhaven, um seine Hafenanlagen zu erweitern. Niedersachsen bot einen Ausgleich an; Hamburg hatte die freie Wahl.

Die Wahl fiel In einer schlaflosen Nacht des früheren Hamburger Hafendirektors Dr. Mühlradt. Wochenlang hatte er am niedersächsischen Eibufer nach einem Ausweitungsgebiet für den Hamburger Hafen gesucht. Aber jeder Platz lag, von See aus gesehen, hinter der "Schwelle" in der Flußmündung bei Neuwerk. Die "Schwelle" besteht aus Sand, der nicht wegzuschaffen ist. Zwar wäre es kein Problem, die ganze Elbe bis Hamburg hinauf für die Zukunftsschiffe von zwölf auf fünfzehn Meter zu vertiefen — aber an jener Stelle versagt die Kunst der Technik vor der Beharrlichkeit der Natur. Mühlradts Idee war verblüffend einfach: Der künftige Hafen muß vor der "Schwelle" liegen; ein Hafen gehört nicht ins Land, sondern ins Meer.

Nach langem Tauziehen um einen Staatsvertrag — der noch durch ein Bundesgesetz untermauert werden muß — wurden die beiden Inseln Neuwerk und Scharhörn sowie neunzig Quadratkilometer umliegendes Küstenvorland von Niedersachsen an Hamburg übergeben. Doch wann dort jemals der Hafen der Zukunft gebaut werden wird, steht in den Sternen.