Die Idee war vortrefflich: Drei Photographen, ein Japaner, ein Italiener und ein Amerikaner, sollten die westdeutsche Wirklichkeit zeigen und mit ihren Photos vom Geld, von der Arbeit und von der Jugend erzählen. Drei Traditionen, drei Geschichten, drei Temperamente: man war auf die Spiegelbilder gespannt, freute sich auf den Vergleich, auf Facette und Brechung, auf das ergiebige Möglichkeits-Spiel ... und freute sich leider vergebens. Schon die Introduktion der einzelnen Akte ließ Schlimmes befürchten: Statt sachlich zu berichten, führte man drei springende, hopsende, berserkerhaft klickende Roboter vor, Gliedermänner mit verlängerten Augen und tanzenden Fingern. Die Bilder später waren entsprechend: kein Verweilen, keine Pause, kein Glaube an die Überzeugungskraft der Motive. Statt dessen eine kaleidoskopische Folge, wirre Einstellungswechsel, „filmische“ Mätzchen und eine Fülle wütender Verzerrungen. Das Detail war belanglos, nur auf die Summe kam es an. Den Kameraleuten gebührt ein Stachanow-Orden: so viele Bilder in so kurzer Zeit! „Jetzt kommen wir“, schienen die Operateure den armen Standphotographen sagen zu wollen, „jetzt werden wir euch mal beweisen, wie mans besser macht.“ Einmal nah, einmal weit, einmal schwenkend, einmal vergröbernd: Impressionen gerannen zu Karikaturen, die fixierte Sekunde bekam winzige Beinchen und trippelte munter umher. Es war, als ob man einem Wachsfigurenkabinett Leben einhauchen wollte und dabei nicht merkte, daß die toten Puppen lebendiger sind als die flatternden Schatten. Herrliche Photos wurden kläglich zerhackt: Industriearbeiter, die mit Chirurgengesichtern eine Feuerkugel umstanden; Sektvisagen beim Tanz: wie gerne hätte man länger verweilt! Nur weiter, nur weiter, hieß die Parole, und der Betrachter hatte den Eindruck, als sei die Sendung mit der eiligen Langeweile eines Mannes zusammengestellt, der ein fremdes Familienalbum durchblättern muß.

Und dann (das war das Schlimmste, das war wirklich die Hölle) gab es auch noch Worte und komplementäre Geräusche. Wenn die Kamera einen Geigenbauer einfing, ertönten dabei Violinen; beim Zahltag-Bild ließ man die Groschen und Markstücke klimpern; sah der Betrachter die Kumpels im Stollen, lieh ihm der Autor der Sendung noch das passende Zischen hinzu. Schlaf und Holz hätten sich vor Begeisterung von ihren Sitzen erhoben, und, in der Tat, angesichts solcher Wirklichkeitstreue nahmen sich die Ahnherren des Naturalismus fast wie Ionesco-Nachfolger aus. Und dann erst die Texte! Die goldenen Worte und Sangesbrüder-Maximen! „Was wären die Deutschen ohne das Wirtshaus, ohne das Restaurant und die Kneipe?“ Nun, das ist eine Frage, die schon wegen der feinen Nuanzierung der Lokalitäten des Nachdenkens wert ist. „Der Golfplatz atmet Exklusivität“: ein Mediziner, scheint es, war der Manuskript-Verfasser nicht, dafür vielleicht ein Musikologe von Rang: „Die Jugend liebt die Musik in jeder Erscheinungsform“, tatsächlich, so hieß es.

Gottlob, daß Tod und Schrecken endlich Ruhe befahlen. Das Entsetzen in den Kinderaugen (eine Szene am Strand, ein vergeblicher Rettungsversuch), die Fingergabeln einer Frau, die sich die Augen eindrückte (ein Bild aus Berlin); schließlich – der geschwätzige Kommentator war endgültig still – die schwarzen Hände, die ein Sektglas umkrallten, ein Halstuch wie ein hänfenes Seil, Schulter und Abendkleid: das blieb im Gedächtnis, da wurde geschwiegen, da ließ man sich Zeit.

Die Photographen hießen Hamaya, Sellerio und McBride. Der Film hatte den Titel: Mit offenen Augen. Für Skript und Produktion empfiehlt sich die Variation eines Shakespeare-Zitats. Momos