Von Marion Gräfin Dönhoff

Eines Tages, es war in der Parteihochschule, die die Kader der SED, also die Eliten von Partei, Wirtschaft und Verwaltung heranbildet, fragte Theo Sommer am Ende einer langen Diskussion unsere Gesprächspartner: „Könnten Sie uns nicht einmal sagen, wie wir eigentlich auf Sie wirken?“

Ich war aufs äußerste gespannt. Fast täglich hatte ich mir diese Frage gestellt, mehrfach hatten wir untereinander am Ende eines langen Tages oder einer vielstündigen Diskussion gesagt: „Schade, daß wir jetzt nicht unter einer Tarnkappe zuhören können, was die über uns sagen, wie die uns sehen – wir wüßten dann ein gut Stück mehr über die Zukunft Deutschlands.“

Ich war gespannt: Wie würde man die Frage aufnehmen? Würde man ernsthaft Stellung beziehen? Ohne Zögern kam die Antwort von der anderen Seite: „Was Ihnen fehlt, ist die marxistische Erkenntnis. Man kann einen Menschen eben nicht von der Gesellschaft trennen, in der er lebt.“

Ich konnte mich nicht enthalten zu fragen: „Dann gibt es also den Menschen an sich gar nicht, sondern nur den Menschen als Funktion bestimmter gesellschaftlicher Systeme?“

Diese Bemerkung wurde überhört, aber die Antwort auf die Frage: „Wie wirken wir eigentlich auf Sie?“ sprudelte nur so aus dem Munde von Professor Lange. Rasch und präzise resümierte er: „Sie wirken sehr oberflächlich, sehr apodiktisch, Sie erkennen die Zusammenhänge nicht, ja Sie geben sich nicht einmal die Mühe, die Zusammenhänge zu erkennen. Sie behaupten beispielsweise ganz einfach, Herr Löschau sei auch nicht viel anders als ein führender Betriebsleiter in der Bundesrepublik; das ist einfach Unsinn. Wenn Herr Löschau im Vorstand der IG in der Bundesrepublik säße, dann müßte er von der gesellschaftlichen Situation der Bundesrepublik her eine ganz andere Politik machen als in Leuna. (Herr Löschau war der sehr junge, sehr kompetente Werkdirektor der VEB Leuna, jenes Mammutwerkes, das wir besichtigt hatten.)

Ich könnte zu diesem Thema viele weitere Gespräche zitieren. Aber ich glaube, es ist sinnvoller, einmal ihrer aller Quintessenz darzulegen. Denn hier befinden wir uns wirklich am Kernpunkt der Dinge; hier wird das verschiedene Wesen beider Deutschland ganz deutlich.