München

Zunächst war alles wie gewohnt, droben im Festsaal des Hofbräukellers. Mit ernsten Gesichtern eilten Abgeordnete und Minister, Wirtschaftsführer und Gewerkschaftsfunktionäre, Offiziere und Bürgermeister zur diesjährigen Maibockprobe. Mit ernsten Gesichtern deshalb, weil es sich bei dieser Vorprobe nicht um eine Gaudi für Fremde, sondern um eine todernste Amtshandlung im Rahmen der bayerischen Bier-Gezeiten handelt.

Mit dem Maibockausschank endet die alljährliche Münchner Starkbiersaison. Das ist jetzt seit 350 Jahren so. Also wurde heuer ein kleines Jubiläum mitgefeiert: „350 Jahre Maibocktradition des Staatlichen Hofbräuhauses in München‘.“ Und weil sich’s so traf, wurde gleichzeitig darüber jubiliert, daß es das Münchner Hofbräuhaus seit 375 Jahren gibt. Denn 1589 gründete Herzog Wilhelm V. von Bayern – er ließ auch die Michaels-Hofkirche und das Jesuitenkloster bauen und hieß deshalb „der Fromme“ – das Münchner Hofbräuhaus. Der Herzog war es nämlich leid, daß er für seine Hofhaltung das „Ainpockisch Bier“ aus Einbeck beziehen und damit teures Geld ins „Ausland“ geben mußte. Elias Pichler hieß der erste Braumeister des Hofbräuhauses, der das Ainpockisch Bier, den Einbock und jetzt den „Bock“ einbraute.

Besagter Herzog Wilhelm V. nahm es mit seinem eigenen Bier so genau, daß der Betrieb des Bräuhauses ihm sogar einen Wortbruch wert war. Aus dem Benediktinerinnenkloster von Gaisenfeld hatte er sich den Braumeister Heimeran Pongraz von der hochwürdigsten Frau Äbtissin ausgeliehen und das Versprechen gegeben, nach Einrichtung des Braubetriebes im herzoglichen Hofbräuhaus Pongraz dem Kloster und dessen Brauerei wieder zur Verfügung zu stellen. Das Bier war jedoch anscheinend so gut, daß Pongraz in München bleiben mußte.

Hausherr bei dieser Maibockvorprobe ist der Finanzminister des Freistaates Bayern. Und er nimmt seine Amtspflicht auch hier sehr genau. Rudolf Eberhard, der Minister, der sich vor Jahren den Ehrendoktor der Universität Erlangen zum Schrecken und zur Entrüstung vieler im Foyer des Münchner Cuvilliéstheaters hatte überreichen lassen, er weiß sich natürlich auch hier im Festsaal zu bewegen. Strahlend, gut gelaunt macht er die Honneurs, hat Scherzworte bereit. Und er kann es sich dann auch nicht verkneifen, als etwas verspätet Ministerpräsident Goppel unter den Klängen des Defiliermarsches eingetroffen ist, die schon fast traditionellen Frozzeleien anzubringen. Dezent, aber deutlich wird dem Regierungschef testiert, daß man schon ein paar Minuten zum Maibock-Staatsakt zu spät kommen dürfe, wenn man bei der 100-Jahr-Feier des berühmten Hauses Bernheimer tätig sein mußte. Sein „Freund Hundhammer“ (der quittiert diese Anrede mit sauer-ernstem Blick) muß sich sagen lassen, daß er zur Enttäuschung des Hausherrn nicht in einheimischer Tracht erschienen sei. Dasselbe bekommt der Staatssekretär Lippert zu hören: „Jetzt kommt mein Staatssekretär in einem unmöglichen Anzug daher.“ Auch Lippert hat heute den grauen Janker nicht an.

Und auf einmal fällt aus Eberhards Mund das Wort, das dieser Maibockprobe 1964 den politischen Stich gibt: Es sei ja die letzte Maibockprobe, die er als Finanzminister arrangiere. Mitte Juni wird Eberhard sein Zimmer im Haus an der Ludwigstraße räumen und den Präsidentenschreibtisch der Staatsbank besetzen.

Von jetzt an werden die Gespräche im Saal beherrscht von Kombinationen und Mutmaßungen über die künftige Kräfteverschiebung im bayerischen Kabinett; über Eberhards Möglichkeiten, auch weiterhin die Politik in Bayern zu beeinflussen. Denn keiner mag so recht daran glauben, daß der temperamentvolle Minister mit dem grausilbrigen Haar so schnell die Finger von der Politik lassen wird.