„Tunnel der Zeit“ und „Turm des Lichts“ – Eine Armee singender und tanzender Kellnerinnen

New York im Mai

Was unterscheidet diese New York World’s Fair von ähnlichen Veranstaltungen an anderen Orten, in anderen Jahren? Keiner könnte die Frage mit größerer Autorität beantworten als Robert Moses, fanatischer Antibürokrat, der in seinem tätigen Leben volkstümliche Strandbäder, Autostraßen, Brücken, Parks, Spielplätze in und um New York gebaut und jetzt – als strammer Fünfundsiebzigjähriger – diese, seine zweite World’s Fair ins Leben gerufen hat. „Sie ist größer“, hat er auffallend schlicht erwidert, ungewöhnlich für einen Mann wie ihn, der in der Bewertung seiner eigenen Leistungen niemals an der Neigung zur Bescheidenheit gelitten hat. Diesmal hätte er ruhig sagen können, es sei die größte aller Weltausstellungen (obwohl sie sich nach den strengen internationalen Regeln offiziell nicht so nennen darf), und genau das scheint sie allen Ernstes zu sein.

Alles „von morgen“

Zum Beweis genügt es schon, schnell einige der verfügbaren Zahlen herunterzurasseln. Fünfhundert Millionen Dollar hat insgesamt der Bau gekostet, erheblich mehr als jede andere Ausstellung zuvor. Über siebzig Millionen Besucher werden erwartet – vierzig Millionen in diesem Jahr, dreißig im nächsten –, was unleugbar die bislang erreichten Rekorde weit in den Schatten stellt. Der „Turm des Lichtes“ soll auf Hunderte von Kilometern hin sichtbar sein, und mir wird ganz schwindlig schon bei dem bloßen Gedanken, daß dieses Wunderwerk der elektrischen Industrie 105 millionenmal so stark ist wie die Hundert-Watt-Birne, die meinen Schreibtisch beleuchtet. Die „Unisphäre“, im Zentrum der Ausstellung situiert und ihr offiziell verkündetes Symbol, ist ein riesenhaftes Modell der Erdkugel mit Kontinenten, Ozeanen und Inseln, zwölf Stockwerke hoch, aus rostfreiem Stahl geschmiedet, die größte Rekonstruktion des Erdballs, die je von Menschenhand erschaffen worden ist. Fast dreißig Millionen Eintrittskarten waren schon vor der Eröffnung abgesetzt, so heftig war das Interesse für die World’s Fair oder, wie sie auch schon genannt wird, „das Gelobte Land von Mister Moses“, knappe dreißig Untergrundminuten vom Times Square entfernt.

Und nun wären also – wie die Statistiker ausgerechnet haben – nicht weniger als zwölf Tage nötig, wollte man auch nur annähernd alles in der Ausstellung mit einiger Gründlichkeit inspizieren. Das gibt einen Begriff von Umfang und Vielfalt dessen, was geboten wird. Mir scheint das sogar eine etwas zu optimistische Schätzung, denn – um gleich noch ein bißchen mehr Statistik loszuwerden – es gibt nicht weniger als 175 Pavillons, jeder für sich vollgepackt mit Sehenswürdigkeiten, den Schauobjekten von mehr als fünfzig ausländischen Nationen, von vierundzwanzig der fünfzig Staaten, von 350 Industriefirmen und Geschäftsunternehmen jeder Art und Beschreibung, von Banken und Versicherungsgesellschaften bis zu den Brauereien. Gar nicht zu reden von den 139 Restaurants, die über das 2,6 Quadratkilometer umfassende Ausstellungsgebiet verstreut sind und ein wahrhaft globales Menü auf Lager haben – von den unerläßlichen bot dogs bis zum Inau, dem dreistündigen Festschmaus von Hawai, und zu den acht Gängen einer japanischen Mahlzeit, serviert von einer ganzen Armee singender und tanzender Kellnerinnen.

Natürlich wird in diesen Tagen viel auch von der anderen World’s Fair gesprochen, die am gleichen Platz vor genau fünfundzwanzig Jahren das Licht der Welt erblickt hatte, und stolz einerseits, melancholisch, andererseits sind die Kommentare, die sich über deren Motto – „Wir bauen die Welt von morgen“ – heute vernehmen lassen. Für die Welt von morgen, wie damals angesagt, wurden so unglaublich phantastische Prophezeiungen gemacht wie die, daß eines schönen Tages in der Zukunft der amerikanische Kontinent in wenigen Stunden überflogen werden könnte und daß jedes Wohnzimmer mit einem Fernsehgerät möbliert sein würde. Die Voraussagen, auch die gewagtesten, sind alle prompt eingetroffen, genauso prompt allerdings auch ein paar Ereignisse, die damals nicht angesagt worden waren, wie der Zweite Weltkrieg, Zerstörung, kalter Krieg, die Geburt neuer, ringender Nationen in Asien und Afrika (beinahe alle jetzt respektabel auf der Ausstellung vertreten) und, im eigenen Lande, die durch nichts aufzuhaltende Bewegung der farbigen Amerikaner, die ihren Kampf für volle Bürgerrechte mit Demonstrationen, sogar im Hoheitsgebiet der World’s Fair zur Kenntnis gebracht haben. Propheten funktionieren anscheinend besser in elektronischen als in menschlichen Affären.