In einer kürzlich erschienenen Schrift über das Rathaus hatte die Übersetzerin zum Entsetzen der Hanseaten an der Elbe „Hamburger“ jedesmal als „hamburgers“ gedruckt und damit für die englisch sprechende Welt an jene an jeder Ecke der USA feilgebotene Bulette erinnert, die in Hamburg nahezu unbekannt ist. Man könnte überhaupt annehmen, die Autoren hanseatischer Geschichten hätten sich als „Quiddjes“ in den Hafenkneipen manches Seemannsgarn aufbinden lassen. jedenfalls haben wir in siebzig Jahren keine jener seltsamen Gestalten getroffen, wie sie durch Hamburger Romane geistern oder neuerdings Filme zieren. Da sind die Senatoren oder meist Konsuln, (in Hamburg gab es schon seiner Bedeutung wegen niemals viel deutsche Honorarkonsuln, insbesondere in der Blütezeit), welche in riesigen Privatkontoren mit buntverglasten Fenstern, von Globen und Seekarten umgeben, ebenso spontane wie undurchführbare Orders für ihre Schiffe geben. Vielseitigkeit muß man ihnen zugestehen, denn sie bauen eben diese „Konsul Thomas“ und „Therese Thomas“ benannten Schiffe auf eigenen Werften, beladen sie mit eigenen Waren und schicken sie allen Abratens greiser Prokuristen zum Trotz jenseits der eingefahrenen Linien auf riskante Abenteuer, weil Wechsel der mondänen Gattin fällig werden. Es nutzt auch nichts, daß die Prokuristen an die Zeiten erinnern (mit Blick auf den sei. Herrn Konsul an der Wand), als sie den Erben in der kargen Mittagspause auf den Knien geschaukelt haben.

Denn eben jene Gattin hat man leider aus fernen Zonen mitgebracht, und nun versucht sie den Zauber südamerikanischer Feste in die graue Hansestadt zu verpflanzen, nicht ohne bedenkliche Ausgaben für Juwelen, pompöse Bälle und Menüs, von denen man spricht, wie von den rauschenden Auffahrten elegantester Equipagen, denen die oberen Zehntausend entsteigen. Gerda Buddenbrook, die schwächste Figur des 23jährigen Thomas Mann, hat grausame Folgen gehabt. Da zogen wir doch die krachseidenen, immer schwarz gekleideten Witwen unserer Jugendromane vor, welche mit eiserner Energie die Firma für den Erben verwalteten und diesem jegliche Liebesheirat verweigerten.

Wer nun noch nach 775 Jahren etwas von Hafen, Schiffbau und Seefahrt versteht, wird seine helle Freude an der Schilderung der Vorgänge haben, welche zwar zusammenhängen, aber doch, wie alle Wirtschaft in einem komplizierten System, welches erst durch das moderne Nachrichtenwesen vereinfacht wurde. Und just die Eskapaden. auf erotischem Gebiet, ohne welche auch ein hansischer Roman kaum auskommt, sind völlig undenkbar, obgleich natürlich nur Personen zweierlei Geschlechts zueinander finden, deren Ehepartner nicht den Blick für „das Werk“ oder „die Welt“ oder gar „einen Ehrbaren Kaufmann“ in Wind und Wetter behalten haben. Ja, wir entdeckten kürzlich den einzigen Fall, wo ein solches Paar den Stapellauf am Bug des Neubaus mitmacht, während der Bauherr und Reeder der hehren Frau ohne Rücksicht auf die gaffende Menge zuflüstert, das Schiff solle ihren Namen durch fremde Meere tragen!

Nun hat es von jeher in Hamburg natürlich auch Menschen gegeben, die ihr Leben genauso einrichteten, wie sie es in anderen Großstädten geführt hätten. Schließlich hat nicht jeder mit dem Hafen zu tun. Aber der Begriff „Hamburger“, sagen wir zumindest bis zum Ende des Ersten Weltkrieges oder sogar bis zum Beginn des ihnen so unsympathischen und unpassenden Tausendjährigen Reiches, sieht so ganz anders aus. Der Ton, der ihre Musik machte, gleichgültig, ob im vertrauten Kreis oder auch vor der großen Welt, blieb immer diskret, er nahm bewußt oder unbewußt Rücksicht auf den Kredit, welcher nicht zufällig vom Londoner Understatement aller Lebensführung abhing. Wer Haushalts- und Ausgabenbücher der Jahrhundertwende studiert und umrechnet, wird erstaunt sein, auf welch üppiger Basis sich das tägliche und außergewöhnliche Dasein abspielte – nur, man ließ es nicht merken. Man sparte bestimmt nicht an Geld, aber man sparte an Schein. und Aufwand, vor allem an „Angabe“, die zu falschen Schlüssen über Soll und Haben in beiden Richtungen führen konnte. Aus dieser Einstellung, natürlich auch Auswüchsen zugänglich, entstanden die Storys von der Sparsamkeit, Ungastlichkeit und Steifheit der Hamburger. Sicherlich, wer mit dem Regenschirm anstatt mit der Rebenhacke geboren wird, bleibt „steifer“. Nicht zufällig konnte sich der Protestantismus nur im Norden dominierend ausbreiten. Aber „Hamburger“, das klingt jedenfalls immer auch nach Zuverlässigkeit.

Wenn das „Tor zur Welt“ in diesen Tagen ein großartiges Jubiläum feiern darf, so wissen wir: Diese Welt verändert sich täglich und strebt zwangsläufig nach größeren Zusammenschlüssen als Hansebunden oder Allianzen, politisch und wirtschaftlich. Die moderne Industriegesellschaft, gefördert durch die unselige Teilung Deutschlands, konnte die größte Stadt der Bundesrepu-Mick nicht den „Hamburgern“ überlassen, jenem Kreis einheimischer Familien, welche, ohne je ein Patriziat zu bilden, doch immer wieder die führenden Kräfte für Handel und Wandel der Freien und Hansestadt hervorbrachten. Viele ihrer Nachkommen konnten nur ihren guten Hamburger Namen retten, nachdem ihnen das Erbe zerstört oder mutwillig verschleudert wurde. Wir glauben, in den 775 Jahren tauchte durch die Besatzungsmacht 1945 eine bis dato in Hamburg unbekannte neue Frage nach der Vorstellung auf; „Sind Sie Hamburger?“ Bis dahin hörte auch der Zugereiste am Namen die Antwort heraus. Und so entzückte uns ein Freund und Träger bekannt ten Namens, welcher jedesmal freundlich lächelnd erwiderte: Ja, allerdings erst seit 1788!“