Unmittelbar nachdem das Volkswagenwerk seinen Entschluß bekanntgegeben hatte, die Dividende für 1963 auf 16 Prozent (1962: 14 Prozent) zu erhöhen, fiel der Kurs der Volkswagen-Aktie um weitere 11 Punkte auf 583 Prozent zurück. Schon daran zeigt sich, daß die Börse bei der Bewertung der VW-Aktie eigenwillige Wege geht, die nicht mit der gegenwärtigen Geschäftslage des größten europäischen Automobilherstellers parallel laufen. Prof. Dr. Nordhoff, der langjährige Generaldirektor des Wolfsburger Unternehmens, sagte dazu kürzlich in einem kleinen Kreis: "Ich halte die VW-Aktie für völlig unterbewertet!" und fügte etwas resigniert hinzu: "Aber die Börse hat ja ihre eigenen Maßstäbe..."

Tatsächlich wird die Kursentwicklung der Leistung des Volkswagenwerks nicht gerecht. Der Bilanzanalytiker wird lange suchen müssen, bevor er auf ein Unternehmen mit gleicher Ertragskraft stößt. Vorsichtig geschätzt dürfte das Volkswagenwerk runde 320 Millionen als Gewinn versteuert haben – bei einem Aktienkapital von 600 Millionen. Aber warum dann die Mißachtung der Börse

Die hauptsächlichsten Bedenken, die gegen den Besitz einer VW-Aktie geltend gemacht werden:

• Die Kapazitäten der europäischen Automobilfabriken sind nach den jüngsten Investitionen zu groß geworden. Ein harter Wettbewerb ist die Folge. Selbst wenn alle namhaften Unternehmen über die Runden kommen sollten, so müssen sie doch mit geschmälerten Gewinnmargen rechnen. Deshalb sind Automobilaktien auf längere Sicht als Anlagepapiere nicht empfehlenswert. Auch die großen internationalen Anlagegesellschaften halten sich diesen Papieren gegenüber zurück.

  • Das schmale Produktionsprogramm des Volkswagenwerks mit seinen Typen VW 1200, VW 1500 und dem VW-Transporter birgt beträchtliche Risiken. Das Werk steht und fällt mit diesen Typen.
  • Zum erstenmal in der Geschichte des Volkswagenwerks waren Produktion und Absatz des VW 1200 rückläufig. Auf seinem traditionellen Markt in der Bundesrepublik wurden 1963 rund 72 000 Stück weniger verkauft als 1962.
  • Das Volkswagenwerk ist zu exportempfindlich. Im Hinblick auf die Zahlungsbilanzsituation der Bundesrepublik, die eher eine Exportdrosselung als eine Exportförderung erfordert, ein doppeltes Handicap!
  • Wegen der strengen Stimmrechtsbeschränkungen in der Hauptversammlung ist die VW-Aktie kein vollwertiges, sondern ein "kastriertes" Papier, für das man keinen vollen Preis zahlen kann.

Das ist nur eine Auswahl der Argumente, mit denen das merkwürdige Verhalten des VW-Kurses begründet wird. Zu ergänzen wäre noch, daß sich die gesamte internationale Spekulation nach Einführung der VW-Aktie in den Börsenhandel auf dieses Papier gestürzt hat, das als ein Symbol des deutschen Wirtschaftswunders galt. Inzwischen ist die Begeisterung jedoch merklich abgekühlt. Die VW-Aktie hat den Reiz des Neuen verloren. Außerdem: Die meisten Leute, die VW-Aktien nicht während der komplizierten (sozialen) Zeichnungsprozedur erwarben, haben an der VW-Aktie nur Geld verloren. So etwas schafft kein gutes Börsenklima.

Soweit sie Produktion und Absatz betreffen, läßt man in Wolfsburg die Einwände nicht gelten. "Seit 1948 sind die Kapazitäten der deutschen Industrie mehr oder weniger zu 100 Prozent ausgenutzt. Das ist ein anomaler Zustand, und er wird sich ändern. Wir werden künftig mit einem geringeren Auslastungsgrad rechnen müssen. Das wird uns erlauben, den saisonalen Schwankungen besser zu begegnen." Damit wiederholte Prof. Nordhoff seine Auffassung, daß die Kapazitäten der Automobilindustrie auf den jeweiligen Spitzenbedarf zugeschnitten sein sollten – nach amerikanischem Beispiel. Das Volkswagenwerk wird deshalb in seinen Investitionsanstrengungen nicht nachlassen, sondern sie verstärken. Wurden 1963 dafür rund 400 Millionen aufgewandt, so werden es im laufenden Jahr bis 700 Millionen werden können. Auf eine genaue Zahl schien man sich nur ungern festlegen lassen zu wollen. Von den 700 Millionen können 400 über Abschreibungen finanziert werden, 300 Millionen befinden sich in der "Kasse". Kapitalbeschaffungsschwierigkeiten gibt es also nicht.