In Prag feierten am 1. Mai die intellektuellen Rebellen, die vor einem Jahr den Stalinisten in der Partei den Kampf angesagt hatten, ihren Sieg. Der slowakische Dichter Laco Novomesky, der im vergangenen Frühjahr auf dem Schriftstellerkongreß in Preßburg mit seinen Angriffen gegen die Relikte des Stalinismus die Rebellion ausgelöst hatte, wurde vom Zentralkomitee der Partei öffentlich geehrt. Mit ihm wurden einige andere Publizisten ausgezeichnet, die noch vor einigen Monaten von der Parteiführung scharf kritisiert worden waren. Die meisten von ihnen verbrachten wie Novomesky in den fünfziger Jahren lange Zeit im Gefängnis. Die Auszeichnungen wurden ihnen von dem Mann überreicht, der noch im November vergeblich versucht hatte, sie zum Schweigen zu bringen – von Präsident Novotny.

Der Triumph der Intellektuellen wurde jedoch überschattet von den Ereignissen, die sich am gleichen Tag auf dem Wenzelsplatz in Prag zutrugen. Gewaltsam zerstreute die Polizei dort eine Demonstration von 3000 Jugendlichen, die in Sprechchören Kritik am Regime geübt hatten; 31 Demonstranten wurden verhaftet. Vor allem die akademische Jugend in Prag sah es schon als ihr selbstverständliches Recht an, Regierung und Parteiführung zu kritisieren. Ihre Wortführer tun das in den vielen Studentenzeitungen mit erstaunlicher Offenheit und Unbekümmertheit. Und als ihre traditionelle Maikundgebung in diesem Jahr verboten wurde, da demonstrierten sie erst recht.

Mit Gummiknüppeln sind ihnen vorerst einmal die Grenzen der politischen Freiheit in der Tschechoslowakei demonstriert worden. K. H.