Von Peter Demetz

Die folgenreiche Prager Kafka-Konferenz im Schloß Liblitz (Mai 1963), die jetzt mit fast einjähriger Verspätung auch in der DDR ihre Kreise zieht, eröffnete ausländischen Beobachtern besondere Chancen.

Zum ersten Male war es möglich, die Impulse und Ansprüche einer erwachenden Kulturkritik an wohlbekannten Texten zu messen: Neue Deutungen des Lyrikers Halas waren noch eine böhmische Privatangelegenheit, ein Kafka-Kongreß aber wird rasch zu einer internationalen Affäre. Die Referate und Diskussionsbeiträge der Konferenz liegen nun in einem von der tschechoslowakischen Akademie der Wissenschaften besorgten Sammelbande vor –

Franz Kafka – Liblicka Konference“; Verlag Akademie der Wissenschaften, Prag –

auf leider sehr schlechtem Papier, mit ausgezeichneten photographischen Dokumenten zur Lebensgeschichte des Dichters versehen, ein Buch von mehr als dreißig Einzelbeiträgen tschechischer, ceutscher, ungarischer, polnischer, österreichischer, französischer, jugoslawischer Autoren.

Gewiß, der westdeutschen Publizistik (die sich mit tschechischer Dichtung immer nur aus politisehen Gründen beschäftigt) ist es nicht entgangen, daß in Prag die „liberalen“ Kommunisten kräftig mit den orthodoxen zusammenstießen und den Platz, mit Hilfe der ausländischen Bundesgenosse, siegreich behaupteten. Aber das ist nicht alles: Manches Unverhoffte, ja Hoffnungsvolle kommt in diesem Sammelbande zur Sprache; gerade die sorgfältige Publikation der Vorträge demonstriert sehr klar, daß mannigfaltigere, Kräfte im Spiele: varen, daß das Bild der Nuancen und Schattierungen bedarf.

Orthodoxe gab es auf tschechischer und deutscher Seite genug; die jungen „Alten“ aus der DDR hatten ihre beste Stütze im Prager Funktonär Pavel Reiman, dem wiederum die „Liberalen“ im eigenen Lager sehr zu schaffen machten. In der Hitze der Auseinandersetzung wird, gottlob, manches hörbar, das der Welt des Marxismus nicht mehr angehört: existentialistische Motive, und literaturwissenschaftliche Einsichten! jenes Strukturalismus, der an der Prager Universität seit je seine (zuletzt unterirdische) Heimstätte – besaß. Die Orthodoxen, allen voran Pavel Reiman und die DDR-Delegation, haben ihre Entscheidung getroffen: Kafka mag ein bedeutender Autor sein, aber er gehört, als geschichtliches Phänomen, der Vergangenheit an und darf das zeitgenössische Interesse nicht mehr als lebendiges beispiel entzünden; einer der DDR-Intellektuellen spricht sogar das klägliche Wort „unzulässig“ aus; und die Polen und jüngeren Tschechen protestieren mit Recht.