Von Georges-Louis Puech

Ob ich wohl küssen werde? So fragte ich mich vor Jahren, ehe ich „ins Leben hinaus trat“. Damals entschloß ich mich, zu küssen. Als ich nach Deutschland kam, legte ich mir dieselbe Frage vor; nur lautete sie jetzt etwas anders: Soll ich küssen wie die Deutschen oder nach unserer französischen Art? Soll ich womöglich die Hacken zusammenknallen, mit einer tiefen etwas eckigen Verbeugung die Hand einer Dame ergreifen, um sie bis auf etwa zehn Zentimeter in die Nähe meiner Lippen zu führen und meinen Kopf ebenso plötzlich, wie ich ihn geneigt hatte, wieder zurückreißen? Oder soll ich als Zeichen meiner Verehrung einen leichten Kuß auf die Hand hauchen? Ich entschied mich für die zweite, die französische Form, die mir achtungsvoller erschien. Tatsächlich unterschied mich diese Technik in den Augen der Frauen von den Deutschen; aber Balten, die viel Hugenotten zu ihren Vorfahren zählten und bei denen man heute noch viele französische Namen findet, haben in ihrer Art, eine Dame zu begrüßen, die französische Version des Handkusses bewahrt.

Das sollte mir in Hamburg die Tür zu einer Abendgesellschaft öffnen, die in Planten un Blomen von der Baltischen Ritterschaft, Bezirk Hamburg–Schleswig-Holstein, veranstaltet wurde. Jedenfalls versicherte mir dies der Freund, dem ich die Einladung verdankte.

Früher versammelten sich die Balten zu gemeinsamen Abenden und Tanzfesten in Reval, Riga, Mitau und Dorpat. Heute treffen sie sich in Hannover, Stuttgart, Frankfurt am Main, Köln und Hamburg – in allen Städten der Bundesrepublik, in denen geflüchtete Balten in größerer Zahl Aufnahme gefunden haben. Durch zwei russische Revolutionen wurden sie aus ihren heimatlichen Provinzen Estland, Livland und Kurland vertrieben, und der letzte Krieg vollendete die Tragödie ihrer Geschichte. Im ersten Kriegswinter nach Polen umgesiedelt, mußten sie wenige Jahre später wieder fliehen. Diese Tragödie tragen sie in ihrem Blick, der sich nach dem Horizont ihrer Heimat zu verlieren scheint, dieses Landes, das sie nicht wiedersehen werden.

Sie haben nichts behalten als ihre Geschichte, ihren Glauben und ihre Tradition. Und Tradition ist das letzte Gut des Menschen, auf das der stolz ist, der alles andere verloren hat.

Zur Tradition gehören gemeinsame Veranstaltungen. Im Rosenhof-Pavillon waren ihrer an die zweihundert, die dort mit der Vergangenheit ein Wiedersehen feierten. Hundertfünfzig Balten und reichlich fünfzig andere, die sich ihnen verbunden fühlten.

Der Saal war kalt, schwerfällig mit seinen Lampen und seinen kunstlederbezogenen Türen, die wie Geldschranktüren aussahen, eine Ausstattung von zweifelhaftem Geschmack, modisch und häßlich. Aber die Atmosphäre war anheimelnd. Viele waren im Smoking erschienen. Er war bei einigen leicht blankgewetzt und schien noch aus der Zeit vor der Vertreibung zu stammen. Das Schwarz des Tuches hob die Blässe mancher Gesichter hervor und betonte manches verwitterte Antlitz, das von den gepflegten, glatten, rosigen Gesichtern der „Reichsdeutschen“ wirkungsvoll abstach.