Gesamtdeutsche Begegnung mit Literarhistorikern, Politikern und fünf Bühnen

Von Johannes Jacobi

Zweimal ist während des vergangenen Jahres in der ZEIT (Nr. 24 und 46) dokumentiert worden, wie es dazu kam, daß im Jahre von William Shakespeares 400. Geburtstag nicht nur eine, sondern zwei deutsche Shakespeare-Gesellschaften existieren. Die eine feierte 1964 an demselben Ort, wo sie einst gegründet wurde, ihr hundertjähriges Bestehen: in Weimar. Achtzig bis neunzig westdeutsche Shakespeare-Verehrer hatten es sich buchstäblich nicht nehmen lassen, dabei zu sein.

Von einer „Deutschen Shakespeare-Gesellschaft Ost“ bekamen sie dort nichts zu sehen. Die hundertjährige Gesellschaft betrachtet sich weiterhin als die gesamtdeutsche. Bei der Neuwahl des Vorstands wurden für die Bochumer Filiale jedoch drei Vorstandsplätze und ein Sitz für den westdeutschen Geschäftsführer offengelassen. Es war in Weimar niemand anwesend, der diese Plätze einnehmen wollte.

„Shakespeare-Ehrung 1964 Weimar“, unter diesem Slogan wurde in Thüringen gefeiert. Er prangte als Schriftband an derselben Stell: des Deutschen Nationaltheaters, wo 1959 zu lesen stand: „Nationale Schiller-Ehrung der Deutschen Demokratischen Republik“.

Die Formel enthält einen feinen Unterschied, die Form aber war die gleiche. Diese „Shakespeare-Ehrung 1964 Weimar“ wurde nämlich vorbereitet und geleitet von einem „Shakespeare-Komitee der DDR“. Präsident dieses Komitees war einer der Stellvertreter des Staatsratsvorsitzenden Ulbricht: Alexander Abusch. Zum Komitee gehörte aber auch der Präsident der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft, der Anglist der Berliner Humboldt-Universität, Professor Martin Lehnert.

So liefen in dieser Weimarer Frühlingswoche zwei Unternehmungen neben- und miteinander her, die Tagung der hundertjährigen literarischen Gesellschaft und eine bis zum Staatsakt hochgetriebene Shakespeare-Ehrung: Fünf verschiedene Theater führten Shakespeare-Dramen auf, und an drei Tagen war auch Ulbricht anwesend.