Von Waller Widmer

sich vom Scheitel bis zum großen Zeh ernst nimmt, hat mehr vom Leben, und wer so unbeirrbar den Weg nach innen geht, der in unserer gottsinnigen Zeit steil aufwärts führt, liegt gut, denn er hat sich richtig gebettet. Er hilft unsere kalte Welt erwärmen, gießt Salböl auf die Wogen harscher und zudem höchst inopportuner Kritik, weist die Nörgler in ihre Schranken, lobt nach Gebühr die aufbauenden Kräfte und demonstriert summa summarum das exemplarische Leben eines deutschen Intellektuellen, wie er sein sollte.

So etwa lesen wir es dem Sinn nach im Klappentext und im Vorwort von welche Chancen er als Widerpart der anonymen Organisation hat“, liest man, und weiter: „So ist die Chronik zu einer anschaulichen Dokumentation des intellektuellen Lebens von heute geworden.“ Das sind große Worte, und das intellektuelle Leben von heute, beispielhaft verkörpert von Rolf Schroers, muß uns Respekt abnötigen.

Ich gestehe, daß ich mir dieses intellektuelle Leben anders vorgestellt hatte, bevor ich Schroers’ „Rechenschaftsbericht“ las. Offenbar habe ich so oft schon den Ausdruck Intellektueller nur in Verbindung mit der zum Präfix erstarrten Vokabel links gelesen, daß ich mir den puren Intellektuellen nicht mehr vergegenwärtigen kann. Der goldene Mittelweggänger, allerseits beliebt, allerseits Hahn im Körbchen, kein Spielverderber, schulterklopfend, wenn’s von obenherab geht, auf du und du mit Gleichwertigen, demütig, doch frank und frei Obertanen gegenüber. Ist es so ungefähr richtig?

Schroers notiert sich tagebuchgemäß alles, was er im Laufe eines Jahres erlebt, und läßt alle vierzehn Tage, über den Deutschlandsender Ost und West, die Deutschen in der ganzen weiten Welt an seinem Erleben teilhaben. Damit aber die Schroers-Fans der Mühe enthoben sind, soviel Weisheit mitzustenographieren oder kostspielige Tonbänder zu verschleißen, ist das ganze Körbchen gesammelter Prophetenbeeren nun auch als Buch erschienen.

Zunächst scheint mir, Rolf Schroers mache sich etwas befremdliche Begriffe vom Intellektuellen. Dieser noch immer heftig umstrittene homo sapiens intellectualis (von vielen Zeitgenossen wird der Ausdruck „Intellektueller“ ja nur abschätzig und pejorativ, mit leise höhnischem Unterton gebraucht) hat nach ihm, wenn ich ihn richtig verstanden habe, mehrere Eigenschaften, denen er zu genügen versucht: Er (der vorbildliche Intellektuelle) schreibt eine hochentwickelte Kunstsprache, das heißt, er verwendet, wo immer es geht, Fremdwörter; er ist ungeheuer betriebsam, das heißt, er nimmt, wo sich eine Möglichkeit zeigt, an Diskussionen und Tagungen teil; er wird ab und zu, bei passenden oder unpassenden Gelegenheiten, innerlich, ja fromm und rührselig, er pflegt Umgang mit lauter Elitemenschen, ohne jedoch die Realitäten des Alltags zu vergessen, er beschäftigt sich mit Fragen der Gegenwart, drängt aber rücksichtsvoll seine Meinung niemandem auf, und was die Zukunft anlangt, erwartet er, die seine werde alle kühnen Hoffnungen wahrmachen oder sogar übertreffen. Das wär’s etwa.

Was ich von einem intellektuellen Schriftsteller erwarte, ist nicht so viel. Für mich ist Hauptvoraussetzung, daß er seine Sprache beherrscht. Zweitens, daß er Intellekt besitzt. Nach dem Fremdwörter-Duden ist Intellekt: „Erkenntnis- und Denkvermögen, Verstand, (auch) rein verstandesmäßiges Denken.“