Von Nina Grunenberg

Der Brief einer Ärztin von der Heilpädagogischen Abteilung der Universitäts-Kinderklinik in Göttingen erreichte uns kürzlich. Er hat uns alarmiert. "Wir haben eine große Bitte", begann die Ärztin. "Im Einverständnis mit dem hiesigen Jugendamt suchen wir – seit zehn Monaten ohne Erfolg – Pflegeeltern für ein zehnjähriges Mädchen, das bisher noch keine richtige Familie kennenlernte. Vor der Schulzeit wurde es umhergestoßen, kam dann in ein Kinderheim und ist doch kein ,Heimkind’. Es braucht eine Familie, in der es seinen guten Fähigkeiten entsprechend gefördert werden kann. Können Sie uns helfen?" Die Not muß groß sein, wenn ein Jugendamt die Zeitung braucht, um einem Kind Eltern zu besorgen. Denn welche Behörde läßt sich sonst Kompetenzen aus der Hand reißen? Wir baten Nina Grunenberg, die Behörden zu fragen, warum sie nicht genug tun können und warum es offensichtlich zu wenig private Hilfe gibt. In einem Staat mit so hohem Lebensstandard wie der Bundesrepublik sollten auch die Ärmsten, Schutzlosen und Verlassenen nicht vergessen werden. Wir werden nicht müde werden, dafür die Privatinitiative aufzurufen.

Pflege, Fürsorge und Schutz der Jugend und die erzieherische Kinderhilfe sind Aufgaben der Jugendwohlfahrt. Sie sind im neuen Jugendwohlfahrtsgesetz von 1961 geregelt: Minderjährige in Nachtlokalen sind ebenso "erfaßt" wie schwer erziehbare Jugendliche. Vormundschaftswesen, Adoption und Jugendgerichtshilfe haben ihre Paragraphen und ihre Bearbeiter in den Jugendämtern. Die Beamten leisten Erziehungsberatung, sie bauen Jugendheime und verteilen Bundesjugendplangelder. Sie vermitteln Pflegekinder, soweit sie nicht durch private Absprachen der Eltern in ihre Pflegefamilien kommen. Aber umsichtige Gesetze und ein Stempel genügen eben offensichtlich keineswegs, wenn die "Wohlfahrt" eines Kindes gesichert werden soll. Der traurigste Beweis ist das Schicksal des kleinen Mädchens, für das die Ärztin der Göttinger Kinderklinik hier bittet. Wie wir erfuhren, hat sie es als Patientin auf der Kinderstation kennengelernt. Mit schweren neurotischen Störungen wurde das Kind dorthin gebracht, nachdem es bis zu seinem siebenten Lebensjahr wahllos von einer Pflegestelle in die andere gegeben worden war. Ein primitives Heim, in das es beim Eintritt in die Schule kam, hatte die Seele des kleinen Mädchens vollends verbogen. Es bedarf schon einer lange anhaltenden seelischen Belastung, ehe das von Natur aus fröhliche und zur Anpassung bereite Kind seine eigenen unangepaßten Wege geht. Eine heilpädagogische Behandlung hatte bei diesem Kind nach längerer Zeit Erfolg. Die Ärztin beschreibt es: "Es ist blond und sieht nett aus (mit Stupsnase). Seiner Vorgeschichte entsprechend ist es recht selbständig, darum nicht eigentlich ein liebes Kind. Aber mit Geschick ist es gut zu leiten, vergnügt, nett, phantasievoll und originell." Inzwischen hatte sich das Jugendamt eingeschaltet und suchte eine neue Pflegestelle für das Kind. Über die Schwierigkeiten, die sich dabei ergaben, berichtet der Brief: "Die meisten Menschen wünschen sich als Tochter offenbar einen Engel, solche Pflegeeltern kann unser Schützling nicht brauchen, seine Erziehung würde schon einige Großzügigkeit erfordern – und daran sind wir bisher bei unserer Suche gescheitert. Ein Versuch schlug fehl, die Pflegeeltern verlangten schon in den ersten vier Wochen Dankbarkeit. Wir haben acht Wochen kurieren müssen und möchten nun keinen zweiten ‚Versuch‘ auf Kosten des Kindes. Können sie uns helfen?"

Der Bezirk des Jugendamtes, in dem das kleine Mädchen lebt, rekrutiert sich aus einer vorwiegend bäuerlichen Bevölkerung. Auch deshalb fanden sich dort keine Pflegeeltern für ein Kind, das gut begabt ist und seit Ostern 1963 auf die Mittelschule geht. Eine frühzeitige Adoption hätte ihm wahrscheinlich viele üble Erfahrungen ersparen können. Dazu hatten aber die leiblichen Eltern ihre Einwilligung versagt,

Derartige Kinderschicksale füllen die Aktenordner auf den Jugendämtern. In der Bundesrepublik standen im Jahre 1960 575 000 Kinder unter dem Pflegeschutz des Staates. Davon waren 486 000 uneheliche Kinder, die bei ihren Müttern lebten und 89 000 Pflegekinder im Sinne des Wortes: Sie waren bei Verwandten, fremden Leuten oder in Großpflegestellen untergebracht. In den letzten drei Jahren sind diese Zahlen ständig gestiegen. Den wenigsten dieser Kinder können Adpotiveltern vermittelt werden. Oft scheuen die Mütter, auch wenn sie nur eine ganz lockere Verbindung zu ihrem Kind haben, die Adoption. Sie wissen, das würde das letzte Band zerschneiden. Manche spekulieren darauf, daß ihr Kind sie später einmal unterhalten kann. Andere uneheliche Mütter hoffen auch, einmal zu heiraten und ihr Kind dann zu sich nehmen zu können.

Während sie auf ihre Chance warten, gehen ihre Kinder nicht selten einen Weg der seelischen Bedrückung. In den schlimmsten Fällen waren die Verhältnisse zu Hause so gestört, daß sie psychisch verwahrlost, mißhandelt, mißbraucht und geschlagen zu "Problemkindern" des Jugendamtes werden. Ihnen ist mit einem Aufenthalt in einem guten Heim unter fachärztlicher Betreuung meist besser, geholfen als mit einer Pflegefamilie, die den Schwierigkeiten mit einem solchen Kind nicht gewachsen wäre.

Die größeren Sorgen bei der Unterbringung machen den Jugendämtern jene an Leib und Seele einigermaßen gesunden Kinder, die eine. Pflegemutter "ganz für sich allein" brauchen. Sie gehören nicht in Heime. Allein in der Stadt Köln könnte der Sozialdezernent 500 Pflegestellen zusätzlich brauchen. Zur Zeit sind bei ihm 552 Pflegestellen gemeldet, in denen 621 Kinder untergebracht sind. Allein im letzten Jahr meldeten sich in Köln 225 Mütter, die einen Pflegeplatz für ihr Kind suchten. Allzu oft konnte das Jugendamt in dringenden Fällen nicht helfen. Aus diesem Grunde wurden in vielen Städten schon Plakataktionen gestartet, um Pflegeeltern anzuwerben. Auf 1600 geklebte Plakate und Aufrufe in den drei Tageszeitungen meldeten sich in Köln 25 Ehepaare. Bei einer ähnlichen Aktion in München meldeten sich nur drei Interessenten bei der Inneren Mission, bei der Caritas nur jene Leute, die schon einmal abgelehnt worden waren: Die Fürsorgerinnen hatten Bedenken wegen ihrer Wohn- und Lebensverhältnisse gehabt.