Von Monika von Zitzewitz

Siebzig Kilometer südöstlich von Pisa, 30 Kilometer vom Tyrrhenischen Meer entfernt, brütet düster und vergessen die alte Etruskerstadt Volterra hoch auf ihrem Hügel unter der Sonne. Die Touristen brausen auf der Via Aurelia vorüber und nur ganz wenige von ihnen packt die Neugier, wenn sie das Schild „Volterra“ kurz vor Piombino landeinwärts weisen sehen. Es sind wohl jene Außenseiter, die an die glücklichen Reisenden vergangener Zeiten denken – es brauchen nicht einmal Goethe und Gregorovius zu sein –, die noch das Italien der Italiener sehen durften, ohne Lautsprecher, Reiseführer und Andenkenbuden.

Volterra ist ein kleines, unbedeutendes Nest von 6500 Einwohnern. Es hat viele mittelalterliche Bauten, aber die findet man so und ähnlich auch in anderen Orten, die viel bequemer zu erreichen sind. Es gibt eine Reihe schöner Gemälde und Fresken, aber in Florenz, Pisa und Siena, um nur von den toskanischen Nachbarstädten zu sprechen, ist viel mehr zu sehen.-Außerdem stehen da eine Festung mit einer langen, grimmigen Vergangenheit, dazu das größte und am besten eingerichtete Irrenhaus Italiens, ein Etruskermuseum und ein paar etruskische und römische Mauern. Und das wär’s wohl. Nein, dann gibt es noch eine bedeutende Saline und den schwunghaften Alabasterhandel. Wer jetzt noch weiterliest oder gar nach Volterra fährt, ist selbst dran schuld ...

So mag es aussehen, wenn man auf den Mond kommt: Lavagestein, seltsam geformte Hügel, mit struppigem Gesträuch bewachsen, wie hingelagerte Kamele mit räudigem Fell. Daß Menschen in den verträumten Siedlerhöfen der „Ente Maremma“ die Geduld haben und den Mut, diese harte, gedörrte Erde zu pflügen, daß hier Korn wächst, erscheint mir als ein kühnerer Beweis für menschliche Ausdauer, als viele andere Taten, die die Welt laut rühmt. Vor wenigen Jahrzehnten war dieses vulkanische Hügelland noch unfruchtbar wie die Wüste. Dann wurde es mit Staatshilfe und -zwang besiedelt und nach einer Methode bewirtschaftet, die dem Kolchosensystem in vielem ähnelt: Mit gemeinsamem Maschinenpark, Traktorenstationen und so weiter. Jeder der Siedlerhöfe trägt den Namen eines Heiligen. Unter dem Schutz der Heiligen und des Sozialismus wächst hier Weizen auf glühendem Geröll. – Und dann tauchen hoch auf einem Hügel die Türme und Wälle Volterras auf, das riesige, feindliche Carré des Mastio, der alten Mediceerfestung.

Was ist das für eine unglaubliche Stadt, erstarrt im Mittelalter, finster abweisend und großartig. Um den Palazzo dei Priori flattern krächzend Schwärme von Dohlen. Ihr rauher Schrei paßt zu diesen grauen Mauern, in denen das Leben still und melancholisch erscheint, wie die vielen schwarz gekleideten Frauen mit den dunklen Tüchern, die fast das ganze Gesicht verhüllen.

Volterra ist eine Stadt der Witwen, denn die Männer sterben jung, die Lungen zerfressen von Alabasterstaub, der wie weiße Schleier durch die Straßen weht. Volterra lebt und stirbt vom Alabaster. Aus jeder dritten Tür an den engen Straßen ertönt das leise Surren der Schleifmaschinen. Schaut man hinein, oft freundlich herangewinkt, so sieht man bleiche, müde, staubverschmierte Gesichter über die Schleifsteine gebeugt. Wer diese Scheußlichkeiten kauft – nackte und bekleidete Damen als Lampenständer aller Größen, Pferdeköpfe und Buddhas, jegliches Viehzeug in jedweder Farbe, bis zu täuschend echt nachgemachten Früchten aus Alabaster – ich konnte es mir nicht vorstellen. Bis ich zu meiner Beruhigung erfuhr, daß der „Kunsthandel“ nach Übersee in schönster Blüte steht. Der Gang durch die Ausstellungsräume des Alabasterhandwerks erinnerte mich an die Fahrt mit der Geisterbahn unserer Schützenfeste zu Hause, bei der einem abwechselnd das Gruseln und das Lachen kamen.

Die Briefkästen Volterras sind grün und tragen noch Krone und Kreuz der Savoyer. Bisher ist noch niemand auf die Idee gekommen, sie auszuwechseln. Wozu auch in einer Stadt, die von Etruskermauern umgeben ist, und in der man heute noch den guelfischen Groll auf Florenz zu spüren glaubt, das vor 500 Jahren nach den Kämpfen gegen Römer, Barbaren und mittelalterliche Tyrannen die Stadt endgültig ihrer Selbstherrlichkeit beraubte. Seitdem dämmert Volterra auf seinem Hügel, ungeschützt vor der Sonne, vor den eisigen Böen des Tramontana im Winter, unter der Last seiner Geschichte.