„Landru“ (Frankreich; Verleih: Inter-Film): Dieser, der siebte Film Claude Chabrols ist ein Kuriosum und seine Präsentation in der Bundesrepublik ebenfalls. Denn kurz vorher ist bei Ullstein das Drehbuch von Françoise Sagan erschienen und mit Standphotos so reichlich versehen worden, daß man schon beim flüchtigsten Durchblättern sich wieder einmal wundern muß, wo diese oder jene Einstellung wohl geblieben ist. Bis in die deutschen Kinos haben sie sich jedenfalls nicht retten können. Argwöhnisch wird man vor allem an zwei Stellen. Laut Buch sagt Mandel zu Clemenceau: „Glauben Sie mir, besser Blut auf der Titelseite als Anwürfe wegen des Friedensvertrages.“ Man sieht die beiden abgebildet, doch in der deutschen Fassung kommen sie nicht einmal vor. Ebenfalls unterschlagen ist ein hübsches Mädchen, mit dem Landru im Bett liegt, vielleicht weil er sagt: „Immer wird das Genie Ungeheuer geheißen.“ Man weiß es nicht. Jedenfalls ist es schwer, den merkwürdigen Rest zu interpretieren, möglich, daß dem Film seine entscheidenden Bezugspunkte genommen sind.

Schon die ersten Sequenzen lassen zumindest daran keinen Zweifel, daß es Chabrol nicht um die dokumentarische Recherche, sondern um ein verschnörkeltes Tableau geht. Es beginnt mit einem unglaublichen Zynismus. Landru sitzt mit seiner Familie beim Mittagessen, rührt aber seinen Teller nicht an und sagt nur: „Haschee, schon wieder Haschee! Allmählich habe ich das gehackte Fleisch über.“ Madame: „Was willst du, Henri? Wir haben Krieg.“ Landru: „Das ist es ja eben. Man weiß nicht, was da alles drin ist.“ Wochenschauaufnahmen aus dem Ersten Weltkrieg folgen und dann, während des Rolltitels, ein stiller kolorierter Teich, auf dem ein Schal und ein Damenschuh schwimmen. Danach ein Möbelkeller, vollgestellt mit Ausgeburten bourgeoiser Phantasie, ein Dschungel, in dem kaum erkennbar der bärtige Landru lauert, das souveräne Ungeheuer inmitten des morbiden und scheußlichen Zierats einer Welt, die damals auf den Schlachtfeldern Europas zum erstenmal gegen sich selber antrat und den Weg zu noch größeren Greueln freifocht. Landru steht bei Chabrol jenseits seiner Zeit, hat ihr einfach den Rücken gekehrt und sich einem kalten und eleganten Anarchismus ergeben. Wenn von Staats wegen gemordet wird, sagt er sich, kann ich auch mit Morden meinen Lebensunterhalt verdienen. Vor Gericht beteuert er bis zuletzt seine Unschuld, und auch seinem Verteidiger verweigert er die Wahrheit bis zur Hinrichtung. In seinem Landhaus hatte Landru eine stattliche Zahl einsamer Frauen umgebracht, zerstückelt und in seinem Küchenherd verbrannt, von den Ersparnissen seine Familie ernährt und sich selbst ein stutzerhaftes Leben geleistet.

Aber nicht diese Geschichte ist es, die Chabrol fasziniert, sondern ihre Ausstattung, nicht ihre Moral, sondern ihr Snob-Appeal. Deshalb hat er ihre aufklärerischen Möglichkeiten, mit denen er spielt wie mit allem, dem Dekor, den Kostümen, den Schauspielern, der Kamera, am Ende doch verschenkt. Sein beharrlich gegen das sensationslüsterne Publikum inszenierter Film, das vor Langeweile mit den Zähnen knirschen mag, ist trotzdem so einfach nicht abzutun. Landru, der Massenmörder, als der überlegene Geist in einer stumpfen, bürgerlichen Zeit, das war ein großer ironischer Einfall. Aber Chabrol feiert ihn zu sehr, statt noch klarer aufzudecken, daß die Konsequenz des kleinen Küchenherdes Auschwitz heißt. U. N.