In dem Bestseller „Major Thompson entdeckt die Franzosen“ von Pierre Daninos befindet sich folgende Karikatur: Ein Engländer begegnet einer hübschen Frau; sie geht vorüber, er stellt sie sich korrekt im Reitkostüm vor, bis sich dieses angenehme Imago auflöst. Ein Franzose begegnet einer reizvollen Frau; sie geht vorüber, er stellt sie sich entzückt im Badeanzug vor – und dreht sich dann auf dem Absatz um, ihr nachzusteigen.

Die sprichwörtliche Galanterie der Franzosen in allen Ehren – dennoch wird eine schöne Frau wohl in keinem Land mehr gewürdigt (wenn man von Griechenland und den Griechen absieht) als gerade im sittenstrengen Spanien. Nicht umsonst trägt die „stolze Spanierin“ ihr hübsches Naschen so hoch: Fühlt sich doch fast jeder Mann verpflichtet, ihr rasch en passant zu beteuern, sie sei heute bezaubernd. Die mexikanische Filmschauspielerin Maria Felix, die in ihrem Leben sicher viele Komplimente einheimsen konnte, hörte ihr originellstes Piropo vor einigen Jahren bei ihrem Besuch in Madrid. Ein Bewunderer rief verblüfft aus: „Sie sind schlecht proportioniert, Ihre Augen sind ja größer als Ihre Füße!“ (Die spanische Übersetzung unter 1. im Kasten oben).

Was für Adam die Gehaltserhöhung, ist für Eva hier das „Piropo“, das Flüsterkompliment – eine Bestätigung ihrer selbst. Piropos sind „Gedichte im Vorübergehen“, kleine Galanterien, mit denen der Spanier einer Frau huldigt, die sich – natürlich nur für ihn – so schön gemacht hat: „Mit dir bis in den Tod“ (2) flüstert er ihr prompt zu. Das hört sich schon entschieden anders an, als das mißmutig vor sich hingemurmelte Standardkompliment der Deutschen: „Na, siehst ja heute ganz nett aus!“, während es die Engländerin als höchste Auszeichnung zu schätzen weiß, wenn sie als „good sport“, als guter Kamerad, gilt...

Die Piropos sind ein sicherer Gradmesser für die Wirkung einer Frau. Eine Freundin pflegte einen neuen Hut, ein neues Kostüm, eine andere Haarfarbe erst einmal allein spazierenzuführen, um die Piropos zu zählen. Nach einem Dutzend begeisterter, leidenschaftlicher Flüsterkomplimente spanischer Don Juans kann einem keine noch so boshafte Bemerkung „guter Freundinnen“ das neue Frühjahrshütchen mehr vermiesen. Und eine nicht mehr so ganz junge Schönheit der spanischen Gesellschaft sagte kürzlich: „An dem Tag, an dem ich kein Piropo gehört habe, weiß ich, daß ich alt geworden bin!“

Während der Italiener ein Mädchen in aller Form anspricht, ehe er ihren Liebreiz besingt, bewundert es der Spanier zunächst einmal aus der Ferne und verbal. Doch so zurückhaltend die Spanier sind, das leiseste Lächeln genügt, und die Herren der Schöpfung betrachten den Gegenstand ihrer Anbetung als ihr Eigentum. Daher vielleicht die Saga von der „stolzen Spanierin“.

Der Vorrat an Piropos scheint unerschöpflich zu sein. Sind tatsächlich alle Spanier von Natur aus so poetisch? Ich wollte es genau wissen und fragte in fünf großen Buchhandlungen nach Büchern über Piropos. Einem on dit zufolge sollte es welche geben, aber ich erntete überall nur ein mitleidiges Lächeln. Erst in der Nationalbibliothek von Madrid fand sich etwas: Unter allgemeinem Schmunzeln konnte ich ein Drei-Groschen-Heftchen über „Piropos Callejeros“, Straßenkomplimente, in Empfang nehmen. Auf dem Umschlag prangte in knalligen Farben ein Mister Universum, der sich entzückt nach einer üppigen Blondine umdreht. Darüber eine Sprechblase: „Reizendes Mädchen! Es scheint fast unglaublich, daß es Vegetarier geben kann (3).“

Aber trotz dieser reizenden Aufmachung verlassen sich die Spanier anscheinend lieber auf ihre Phantasie: Die 32 Seiten des Büchleins waren jedenfalls nicht einmal aufgeschnitten. Doch die Lektüre erwies sich als ausgesprochen amüsant: