Oft wird der Bürger Hamburgs angeklagt: Er sei schwer zugänglich und wirke manchmal "provinziell". Hier ein Plädoyer zu seiner Verteidigung.

Wir sehen den Hamburger vor uns. Auch hier, vor Gericht, beeindruckt seine imposante Statur. Er ist in aufrechter Haltung in die Schranken getreten und bewahrt die Ruhe.

Schon diese Ruhe verdient es, gewürdigt zu werden. Der Angeklagte beweist durch sein Verhalten eine Geduld, bei der man die für diese Eigenschaft typischen Engel zitieren muß. Wären alle Autofahrer in Hamburg Hamburger, so würde es die Fußgänger sicherlich einiges Talent kosten, im Stadtverkehr zu Fall zu kommen. Aus der Geduld des Hamburgers resultiert eine Bedachtsamkeit, die nachahmenswert sein sollte. Der Hamburger zögert vor jedem Schritt, den er tut, und Fettnäpfchen dienen seinen Füßen äußerst selten als Aufenthaltsort. Er weiß, wo er hingehört, und dort steht er mit beiden Beinen — auf der Erde. Hier wäre nun Gelegenheit, die erste Zeugin aufzurufen: die Hamburger Stadtlandschaft. Da die Zeugin aber leider abwesend ist, zitiere ich die Aussage eines Zeugen, dessen Personalien ich vorlege. Familienname: Klima, genannt Wetter, Vorname: Hamburger. bekannt, ist es kompliziert, mit mir auszukommen. Ich gelte als unberechenbar. Bei mir ist noch keiner richtig warm geworden. Den meisten, die mit mir in Berührung geraten, läuft es kalt über den Rücken. Ich hasse grelles Licht. Aber trotz meines wechselhaften, ja, launischen Charakters hat es der Hamburger zeit seines Lebens bei mir ausgehalten. Ich verbringe Jahr um Jahr damit, seine Standhaftigkeit zu erschüttern — ich kippe ihm Wasser über den Kopf, fege ihm schaufelweise Straßendreck ins Gesicht und tauche ihn dann wieder unversehens in dichte Dampfwolkm, so daß ihm der Atem klebrig wird. Gleichviel, der Hamburger harrt unbeirrt aus!" — Möchte der Angeklagte auf diese Erklärung eingehen? Vielen Dank! Ich darf zum besseren Verständnis eine Übersetzung der Worte einfügen. Der Angeklagte sagte: Jawohl, die Dinge seien nun einmal, wie sie seien. Man müsse die Tatsachen getrost in Auge fassen.

Welcher Verbrechen wird der Hamburger bezichtigt? Die Anklage lautet: Provinzialismus in Tateinheit mit aktiver Eigenbrötelei, Interesselosigkeit am Gast und Unhöflichkeit. Klager sind in erster Linie m- und ausländische Touristen. Der erste Punkt der Anklage — Provinzialismus — läßt sich dem Inhalte gemäß mit dem schon vorgetragenen Hinweis auf die Lage der Stadt, in welcher der Hamburger wohnhaft ist, ohne weiteres widerlegen. Es darf nicht als Schuld des Hamburgers gewertet werden, daß seine Stadt an einem Strom mit direkter Verbindung zu allen Weltmeeren liegt. Von dieser örtlichen Gegebenheit rührt die berufliche Stellung der Hamburger her. Sie fahren nämlich zur See oder finden darin ihre Beschäftigung, ankommendes oder abgehendes Handelsgut teils mit dem Fleiß ihrer Arme, teils mit der Kraft ihres Geistes zu bearbeiten. Zu den Eigenschaften ihres Arbeitsplatzes gehört die Atmosphäre der Weltoffenheit, also das Gegenteil von Provinzialismus. Der Hamburger tritt bei der Arbeit tagtäglich mit der Welt in Kontakt. Wen wundert es da, daßer dazu neigt, sich in seinen Mußestunden allem Fremden zu verschließen? Jawohl, er wirkt tatsächlich oft ein bißchen provinziell. Doch dies Provinzielle müssen wir als eine innere Provinz, eine Art Feierabend nach soviel Weltweite ringsum, anschauen. Wie kann man ihm daraus einen Vorwurf machen? Der angebliche Provinzialismus wird zur Eigenbrötelei im Wesen des Hamburgers, wenn ihm alle Welt ins Haus nachsteigt, ihn am Altonaer Fischmarkt knipst, ihm in die gute Stube starrt und ihn nicht eher in Frieden läßt, bis daß der Grog kalt geworden ist. Der Hamburger wird starr in seinem Zorn, falls ihn eine unbedachte Gruppe Touristen mit einem Bayern verwechselt, der sich in Sepplhosen — den Gamsbart über der Hutschnur — beim Tanz auf die Schenkel schlägt! Dem Hamburger reicht es vollkommen, daß seine Stadt immer attraktiver wird. Er selbst hat keinen Sinn für Attraktionen. Er liebt seine Stadt. Dieses Hamburg jedoch will man ihm Stück für Stück wegnehmen. Was tut ein Mensch, dem man etwas wegnehmen will? Er zieht sich zurück und baut einen Wall um sich herum. Darum sucht der Hamburger häufig sein Glück im Reißaus, sowie ein Gast seine Spur verfolgt. Die meisten Touristen empfinden den Tatbestand der Unhöflichkeit nur deshalb als gegeben, weil sie nicht warten können. Der Hamburger ist grundsätzlich jederzeit willens, Touristen auf den Weg zu geleiten. Aber auch bei diesem Unterfangen geht er mit aller Ruhe vor, so daß viele Menschen den Eindruck haben, er hätte keinerlei Interesse daran, ihnen weiterzuhelfen. Der Augenschein trugt. Der Hamburger ist unschuldig. Freispruch für ihn! Götz Müller