Nach über zehnjähriger Trennung fielen sich am Mittwoch vergangener Woche zwei Helden des indischen Freiheitskampfes in die Arme: der indische Premierminister Jawaharlal Pandit Nehru und Scheich Abdullah, der "Löwe von Kaschmir". Abdullah hat das letzte Jahrzehnt im Gefängnis verbracht – mit Duldung seines Freundes und Lehrers Nehru. Als der Premier den Kaschmiri jetzt umarmte, standen beiden die Tränen in den Augen. Der 58jährige Abdullah überragte den alten Freund um Haupteslänge; gutgelaunt lachte er in die Kameras der Photographen. Nehru, von schwerer Krankheit gezeichnet, nachlässig gekleidet, ergriff den Arm des strahlenden Scheichs, um sich zu stützen. Der Schüler führte den Lehrer, der eben entlassene Häftling seinen Ankläger in die Villa des Premiers.

Zum zweitenmal haben die Inder den kaschmirischen Löwen losgelassen, damit er in seiner Heimat Ordnung schafft. Sie werden ihn diesmal nicht wieder einfangen können. Der greise Nehru hat die Lösung des Kaschmir-Problems in die Hände seines alten Freundes und vermutlich neuen politischen Gegners gelegt. Abdullah wird über die Zukunft einer der gefährlichsten Krisenherde der Erde entscheiden. Noch weiß niemand, wie er sich entscheiden wird. In Neu-Delhi sprachen der Scheich und der Premier lange über die Vergangenheit. Nehru forderte Abdullah auf, die letzte dunkle Episode ihrer Freundschaft zu vergessen. Das dürfte dem Premier leichter fallen als seinem einstigen Kampfgefährten.

Zwischen 1931 und 1947 hatte Abdullah mehrere Aufstände gegen das despotische Regime des Maharadschas von Kaschmir angezettelt. Sein politischer Ratgeber und Freund war Nehru. Als Pakistanis nach der Unabhängigkeit Indiens in Kaschmir einfielen, warf der Scheich die Eindringlinge mit indischer Unterstützung zurück. Er war es auch, der – abermals zusammen mit Nehru – den Staat von Kaschmir und Jammu in die Union mit Indien führte.

Es zeigte sich jedoch bald, daß man in Neu-Delhi und in Srinagar unter Union nicht das gleiche verstand. Während die Inder im Waffenstillstand von 1949 die endgültige Annektion von Kaschmir, Ladakh und Jammu sahen, bestand Abdullah darauf, daß die Kaschmiri in einem Plebiszit selber über ihre Zukunft entscheiden sollten.

Der Scheich wurde 1953 mit indischer Hilfe als Premier von Kaschmir gestürzt und in "Schutzhaft" genommen. In Srinagar etablierte sich eine indische Marionettenregierung unter dem Premier Bakshi Ghulan Mohammed. Fast fünf Jahre hielt er seinen Vorgänger im Gefängnis, ohne ein Gerichtsverfahren auch nur vorzubereiten. Im Januar 1958 wurde Abdullah dann plötzlich freigelassen. Ungebrochen durch die lange Haft, forderte er sofort wieder die Selbstbestimmung für seine Landsleute. Ein Vierteljahr später war er wieder inhaftiert. Diesmal erhob der "Staat von Kaschmir" Anklage: Wegen Vorbereitung zum gewaltsamen Umsturz und der Annektion Kaschmirs durch Pakistan.

Ein Monsterprozeß wurde inszeniert. Die Ankläger benannten genügend viele Zeugen, um diesen Prozeß über Jahre fortführen zu können. Abdullah sollte "legal" solange in Haft bleiben, bis das Kaschmirproblem endgültig im indischen Sinne gelöst war. Doch die Ausschaltung des Scheichs brachte keine Ruhe in Kaschmir. Im vergangenen Jahr drohte ein Aufstand gegen das verhaßte Regime des korrupten Premiers Bakshi. Die Regierung in Delhi ließ Bakshi fallen.

Nach dem angeblichen Diebstahl des Prophetenhaares aus der Hazratbal-Moschee von Srinagar erreichte die Krise in Kaschmir ihren Höhepunkt. Die Inder riefen die Anhänger Abdullahs um Hilfe. Ein Freund des Scheichs, Ghulam Mohammed Sadiq, wurde im vergangenen März Premierminister. Einen Monat später wurde der "Löwe von Kaschmir" aus dem Gefängnis entlassen – aus "staatspolitischen Gründen", wie es in der offiziellen Begründung hieß. Er, der verhaftet wurde, weil er angeblich die Annektion Kaschmirs durch Pakistan vorbereitete, wurde nun freigelassen, um den Abfall Kaschmirs von Indien zu verhindern.