Präsident Gamal Abdel Nasser ist in diesem Monat wieder eine der Zentralfiguren der Weltpolitik. Während die Briten den Amerikanern anrieten, Nasser nicht mehr so großzügig zu unterstützen wie bisher, ließ Chruschtschow für seinen Besuch in Ägypten gut Wetter machen, indem er einen neuen Kiedit von fast neunhundert Millionen Mark in Aussicht stellte. Angesichts dieses Engagements der Sowjetunion, deren Hilfe für die Ägypter nächste Woche bei der Einweihung des Assuan-Staudamms mit viel Propaganda-Aufwand ins Licht gesetzt wird, dürfte es Washington schwerfallen, Nasser mit einem Lieferstopp für Weizen von seinem Kriegspfad im Jemen und seinen Drohungen gegen den britischen Stützpunkt Aden abzubringen.

Die kühle Schulter Washingtons konnte jedoch die Engländer nicht davon abhalten, ihren militärischen Verpflichtungen gegenüber den verbündeten Scheichs in Südarabien nachzukommen. 600 britische Soldaten mußten dem 4000-Mann-Heer der Südarabischen Föderation beispringen, das allein nicht mehr mit den aufständischen Stammeskriegern fertig wurde. Uniformen und Waffen der Rebellen stammen aus dem Südjemen, wo die Soldaten Nassers den Ton angeben. Nach letzten Meldungen der Geheimdienste wurde ihre Zahl von 28 000 auf rund 40 000 erhöht. Dennoch gelang es bisher nicht, die Truppen der Royalisten, die dem Imam ergebet blieben, zu unterwerfen. Im Gegenteil: Sie haben den Ägyptern und den Republikanern schwere Verluste zugefügt.

Mit seinem Besuch im Jemen hat Nasser sein persönliches Prestige in die Waagschale geworfen. Solange ein Drittel des ägyptischen Heeres im jemenitischen Bürgerkrieg oder in einem etwaigen Konflikt mit den Engländern gebunden ist – die Truppen werden regelmäßig abgelöst –, kann Nassers anderer „Erzfeind“ im Norden, Israel, relativ unbesorgt sein. Daran ändert auch das Interview Nassers mit der „Deutschen Soldatenzeitung“ nichts, in dem er sich für einen Krieg gegen Israel stark machte, das man hoffentlich „erdrücken“ werde.

Die Feindschaft der Araber gegen Israel mußte im Januar als Kitt für die arabische Einheit herhalten, die Nasser bei der Gipfelkonferenz in Kairo scheinbar wiederherstellte. Schon damals drohte ihm das rivalisierende, baathistische Syrien den Rang abzulaufen, indem es sofort gegen Israel losschlagen wollte. Nach den jüngsten Unruhen und Streiks in Syrien hat das Regime in Damaskus sich eindeutig vom innenpolitischen Kurs Nassers distanziert. Zugleich überbot es noch die Israel-Parolen Kairos: Es verlangte die sofortige Vergeltung aller Araberstaaten gegen die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft, die Israel in den nächsten Jahren Präferenzen und Zollvergünstigungen einräumen will.

Der Propaganda-Wettlauf zwischen Kairo und Damaskus ist ein Vorspiel für die nächste arabische Gipfelkonferenz im Spätsommer. Chruschtschows Einsatz in Ägypten und im Jemen, dessen Präsident neulich in Moskau war, stärkt Nassers Position im arabischen Lager und in seinem Konflikt mit Großbritannien, dem alten Gegner von Suez.