Von Hermann Bohle

Paris/Brüssel, Anfang Mai

Eigentlich sollte Frankreichs Staatschef Charles de Gaulle im kommenden Herbst auf der Reise nach Südamerika in Madrid Station machen. So ließ Spaniens Generalissimo Francisco Franco in Paris anfragen und erhielt eine abschlägige Antwort. Er muß sich mit Außenminister Maurice Couve de Murville zufrieden geben, der sich am Platz selbst von den Liberalisierungsmaßnahmen des gerade 25 Jahre alten Franco-Regimes überzeugen will.

Couve de Murville braucht Argumente. Er muß vier EWG-Partner, besonders aber die Belgier und Holländer davon überzeugen, daß es vernünftig ist, Spaniens zwei Jahre alten Antrag auf Assoziation mit der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) zum Zweck des späteren Beitritts positiv zu bescheiden. Dazu können sich bisher weder die christlich-sozialen noch die sozialistischen Spitzen der belgischen Regierung bereitfinden. Und Italiens Vize-Premier, Nenni, während des spanischen Bürgerkrieges von 1936 bis 1939 Kämpfer auf Seiten der Internationalen Brigade gegen Franco, ist ebenfalls abgeneigt.

Allein die Bundesdeutschen versäumen mit schon fast peinlichem Eifer keine Gelegenheit, sich wie die Franzosen für Spaniens EWG-Assoziation, für Francos Eintritt nach Europa einzusetzen. Mit Sympathien für das nicht demokratische Regime hat das in Bonn gewiß nichts zu tun. Gewisse Erwägungen wirtschaftspolitischer – und politischer – Vernunft verdienen dagegen Beachtung. 31 Millionen Spanier – Europäer! – haben heute einen Lebensstandard, der in seiner Kargheit sogar den Vergleich mit Teilen Afrikas aushält.

In Mittelspanien streikten (das ist nun auch endlich möglich) Mitte März einige tausend Bergleute, weil sie täglich nur den Gegenwert von 4 Mark verdienen. Sie forderten die Erhöhung des Tageslohns auf 10 Mark. Im industrialisierten Nordspanien liegt der monatliche Durchschnittslohn bei 137 Mark, im Süden begegnen die zahllosen deutschen, englischen und französischen Touristen Menschen, die im Schnitt 51 Mark im Monat nach Hause bringen. Der Jahreskonsum an Zucker und Fleisch beträgt in Spanien pro Kopf 17,25 kg bzw. 18,75 kg gegen 50 kg und 67 kg in England.

Das alles gibt es in Europa, von dem alle Welt heute jauchzt, wie reich es sei. Der spanischen Wirtschaft aber fehlt vollkommen die Struktur, um diesem Elend ein Ende zu bereiten. Die Elektrizitätserzeugung erreicht nur 27 Prozent der italienischen und französischen und knapp 17 Prozent der deutschen Leistung. Eine enorme Kapitalkonzentration – 4 Milliarden Mark in 60 Unternehmen der Großindustrie, 124 Vorstandsmitglieder der wichtigsten Gesellschaften kontrollieren 49 Prozent des Kapitals aller AG – entzieht der mittelständischen Wirtschaft und den Kleinunternehmen den Lebenssaft: in Spanien vegetieren laut Statistik der Sozialversicherung 444 862 Kleinbetriebe mit weniger als 10 Beschäftigten dahin. Ihr Arbeitsgerät, ihre Maschinen stammen nach statistischen Angaben in der Regel aus der Zeit vor 1931.