Von Kurt Sieveking

Wir sprechen heute viel von der Krise der großen Städte. Sie gelten uns als Ballungen menschlicher Siedlung, die ihr inneres Zentrum verlieren. Aber eine große Stadt, die ihre eigene Persönlichkeit hat, kann sie nicht einbüßen, es sei denn, ein übermächtiges Schicksal zwänge sie nieder. Die alten Hansestädte an der Ostsee waren solche Stadtpersönlichkeiten. Danzig war eine von ihnen, ehe es eine Provinz stach wurde. Hamburg ist es noch heute und wird es bleiben, wenn es mit der Zeit geht („Nur wer sich wandelt, bleibt mir verwandt“), denn Hamburg hat immer noch seine besondere Aufgabe in Deutschland.

Handel und Schiffahrt haben seit Jahrhunderten den Charakter der Hamburger geprägt, dieses aus vielen östlichen und westlichen, binnenländischen und überseeischen Komponenten zusammengesetzten, im tiefsten Grunde niedersächsischen Volksschlages mit seiner Weltoffenheit und seiner Heimatliebe. Hamburg war im ungeteilten Deutschland nicht nur der Hafen der Hapag und der Hamburg-Süd – er war auch der größte deutsche Ostseehafen und ebenso der Hafen für den Export Mitteldeutschlands und des Südostens, Hafen eines großen zentral-europäischen Hinterlandes.

Das haben wir nicht vergessen. Kriege zerstören vieles, politische Grenzziehungen unterbrechen sinnlos den Fluß von Handel und Verkehr, Aber es gibt natürliche Kräfte, die sich immer wieder durchsetzen, mag es auch Jahrzehnte dauern. Das wissen wir und darauf vertrauen wir.

Handel und Schiffahrt machen ihre Menschen beweglich und offen, abgeneigt jeder ideologischen Verkrampfung. Handel und Schiffahrt lehren aber auch, daß das Leben voller Risiken ist, die man auf sich nehmen muß, wenn man weiterkommen will. Sie bewahren sich deshalb auch den nüchternen Blick für das Mögliche und Erreichbare, frei von jeder Illusion und falschen Phrase Der Kaufmann weiß, was auf längere Sicht die Herstellung gegenseitigen Vertrauens bedeutet, das sich in entscheidenden Augenblicken bewahren kann. Das geht nicht von heute auf morgen, sondern muß da sein, wenn es gebraucht wird.

Deshalb war es kein Zufall, daß wir von Hamburg aus schon verhältnismäßig früh gegenüber unseren est- und südosteuropäischen Nachbarn den außenpolitischen Weg angeraten haben, den unsere Regierung heute beschreitet. Deshalb entsprach es der Aufgabe, die Hamburg von jeher in seiner Mittlerlage gehabt hat, daß unser Hafen die Verbindung zu Prag und zu Wien wieder aufnahm und pflegte. Deshalb auch gaben wir Anfang 1957 denjenigen Polen eine Antwort, die zem erstenmal wieder bewußt den Blick auch nach Westen richteten. Und deshalb auch fuhren wir nach Leningrad und machten jetzt wieder Besuche in den Häfen der Ostsee – nicht weil wir uns einbilden, auf eigene Faust Außenpolitik treiben zu können, sondern weil wir glaubten, und nach wie vor glauben, daß die geduldig geleistete Arbeit an den zwischenmenschlichen Beziehungen besser als alles Gerede ihr Teil dazu beitragen kann, Vorurteile langsam – gewiß sehr langsam – abzubauen – hüben und drüben. Auch die Berichterstattung der großen Hamburger Zeitungen und des Norddeutschen Rundfunks über unsere östlichen und südöstlichen Nachbarn gehört in diese Linie.

Wir befinden uns in der Bundesrepublik in einem kritischen Zustand. Wir reiben uns wund an Dingen, die wir aus eigener Kraft nicht ändern können, und drohen darüber das Mögliche zu versäumen.