Rudolf Stucken, emeritierter Professor der Universität Erlangen, ist einer der profiliertesten Sachkenner der deutschen Geld- und Kreditpolitik. Seine Arbeit "Deutsche Geld- und Kreditpolitik", erschienen im Verlag J. C. B. Mohr (Paul Siebeck), Tübingen, gehört heute zu den Standardwerken über dieses Thema. Stuckens Argumente haben Gewicht. Nicht umsonst haben sich der Finanzminister und das Ministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit seine Mitarbeit gesichert und ihn in ihre Wissenschaftliche Beiräte berufen. In der jetzt veröffentlichten 3. Auflage seines Buches schreibt Stucken: Vom Jahre 1959 ab bis zur Gegenwart hin haben wir es mit einer Zeitspanne der Irrungen und Wirrungen zu tun, in der von einer Meisterung der auftretenden Probleme ganz und gar nicht die Rede sein kann — im Gegensatz zu den ersten elf Jahren nach der Währungsreform. Eine Zeit, in der der Stolz und das Vertrauen in gedeihliche Fortentwicklung, die uns in der Wirtschaftswunderzeit beseelten, einem Gefühl der Unsicherheit Platz machte, wenn es uns tatsächlich auch noch gut ging.

Die Deutsche Bundesbank reagierte 1959 auf die sich abzeichnenden Spannungen und Preissteigerungen mit restriktiven Maßnahmen. Wenn auch die Außenwirtschaftslage noch so war, daß nach den Spielregeln der Goldwährung bzw bei der Orientierung an den Devisenströmen die leichte Kreditpolitik hätte fortgesetzt werden können, wurde zur Verteidigung der Preisstabilität doch der restriktive Kurs eingeschlagen. Und velches ist der Erfolg dieser Restriktionen gewesen? Auf einem Teilgebiet zeigt sich ein Erfolg: die Aufnahme von längerf ristigen Wertpapieren seitens der Banken ging rapide zurück. Aber wenn man als den typischen Erfolg einer Restriktion die Tatsache ansieht, daß die kurzfristigen Kredite der Kreditinstitute an Nichtbanken zurückgehen, so muß man feststellen, daß in der Restriktionsperiode genau das Gegenteil verwirklicht worden ist: die kurzfristigen Kredite nahmen um fünf Milliarden zu. Wie war das möglich, daß in dieser Weise die Kreditrestriktion der Deutschen Bundesbank ihr Ziel verfehlte? Man pflegt dazu zu sagen, daß die großen Devisenzuflüsse die Restriktionsmaßnahmen der Notenbank kompensierten und überkompensierten. Aber mit einer solchen Deutung, die dem Irrtum Raum läßt, daß die Devisenzuflüsse und die damit zu beschaffenden Notenbankguthaben den Banken ohne ihr Zutun in den Schoß gefallen sind, verbaut man sich das Verständnis für das, was wirklich geschehen ist. Wir müssen vielmehr die Frage ganz anders stellen: In welchem Ausmaß haben sich die Banken in der Restriktionsperiode Notenbankguth iben auf Grund eigener Entscheidung beschafft? Wenn wir so fragen, kommen wir dahinter, daß die Kreditinstitute sich auf Grund eigener Entscheidung für 4 4 Milliarden DM Notenbankguthaben beschafft und sich damit den Spielraum für die Ausdehnung der kurzfristigen Kredite geschaffen haben.

Eindeutig ist zu sagen, daß die Kreditinstitute durch ihr Verhalten die Notenbankpolitik durchkreuzt haben. Also sie haben m dem Stil gehandelt, der bisher herrschend war; allerdings müssen wir diesen Stil angesichts der neueren Entwicklung der Erkenntnisse und der Zielsetzung als miserabel bezeichnen.

Und dann gab die Bundesbank den Kampf auf und brach die Restriktion ab. Die Tatsache, daß die Konjunktur noch ganz und gar nicht gebändigt worden war, läßt klar erkennen, daß es sich um ein Aufgeben und nicht um einen Sprung nach vorn handelte.

Wir würden die Aufwertung für überflüssig gehalten haben, wenn die Notenbank die Geldschöpfung m der Bundesrepublik noch in der Hand gehabt hätte; aber sie hatte ja die Herischaft verloren. Da sie sie verloren hatte, war anscheinend die Aufwertung die letzte Hoffnung, zu einer Verschlechterung der Devisenbilanz zi kommen und dadurch die Herrschaft der Notenbank über die Geldschöpfung wiederherzusteller. Das Ergebnis der Aufwertung war zunächst enttäuschend. Nicht einmal die von der Erwartung einer Aufwertung ausgelösten Devisenzuflüsse hörten auf. Aber die Wende bahnte sich dann doch noch im Jahre 1961 an: Während im Jahre 1960 der Überschuß der Devisenbilanz um 1 7 Milliarden DM größer gewesen war als der der Zahlungsbilanz, ist insgesamt im Jahre 1961 der Überschuß der Devisenbilanz nur noch um 200 Millionen DM größer gewesen als der der Zahlungsbilanz, was auf eine beginnende Normalisierung der terms of payment hinweist. Die Preissteigerung ging weiter. Das Bruttosozialprodukt stieg 1959 zu gleichbleibenden Preisen um 6 7 Prozent, zu jeweiligen Preisen um 8 5 Prozent, 1960 zu gleichbleibenden Preisen um 8 8 Prozent, zu jeweiligen Preisen um 12 0 Prozent, 1961 zu gleichbleibenden Preisen um 5 3 Prozent, zu jeweiligen Preisen um 9 9 Prozent. Und eine weitere sehr wichtige Feststellung: Das Tempo der Lohnkostensteigerung in der Bundesrepublik übertrifft das der hauptsächlich konkurrierenden Länder wesentlich; war vielleicht der Aufwertungssatz von 5 Prozent zu bescheiden gewesen, war es nunmehr gelungen, durch Lohn- und Preissteigerungen das bei der Aufwertung Versäumte nachzuholen. Im Jahre 1962 und ins Jahr 1963 hinein vollziehen sich die Dinge weiter in der gleichen Richtung. Allerdings verdeutlicht sich nun mehr und mehr, daß die Zuwächse einen abnehmenden Trend aufweisen.

Heißt diese Wandlung nun eigentlich, daß die Deutsche Bundesbank das Heft wieder fest in der Hand hat? Vergleicht man alle Größen, so ist es klar, daß die liquiden Mittel der Kreditinstitute eine Höhe haben, daß wir wiederum on Uberliquidität sprechen müssen, das heißt aber, daß die Kreditinstitute sich gegebenenfalls wiederum der Herrschaft der Notenbank entziehen können. Daß die Kreditinstitute ständig auf dieses Übermaß von liquiden Mitteln zurückgreifen können, hat die Notenbank natürlich auch im Ringen um die Erhaltung der Kaufkraft des Geldes lahmgelegt. Das große binncnländische Versagen der Notenbankpolitik besteht fort.