Die Friedrich-Ebert-Büste – ein Werk von Kolbe – war kurz nach der „Machtergreifung“ von 1933 verschwunden. Jedermann nahm an, daß sich die braunen Helden so an dem toten Reichspräsidenten gerächt hätten, weil sie ihn – leider schon acht Jahre tot – nicht mehr ins KZ schaffen konnten. Als dann die Engländer 1945 einzogen, stand die Büste wieder am alten Platz. Der Legende nach soll der Hausmeister, Henry Magener, genannt Charly, der die Büste in seiner Dienstwohnung unter dem Bett versteckt hielt, den ankommenden Besatzern gesagt haben: „Sie sehen, wir haben schon wieder unseren eigenen Präsidenten!“

Aber auch Kaiser Wilhelm I., Bismarck und Moltke durften bleiben und stehen noch heute im Kaisersaal. Auf die hatten es nach 1945 die linken Sozialdemokraten abgesehen, als sie noch sehr links waren. Nach der ersten Bürgerschaftswahl von 1946 war die sozialdemokratische Fraktion so groß, daß als Beratungszimmer nur dir Kaisersaal in Frage kam. So hielten sie ihre Fiaktionsbesprechungen unter den Marmorbildwirken von Wilhelm I., Bismarck und Moltke ab. Das hat ein paar ganz Linke sehr gestört. Sie beten deshalb ihren Genossen Brauer, damals Birgermeister, die Figuren entfernen zu lassen. Sinngemäß soll Brauers Antwort so gelautet heben: „Bei allen dreien handelt es sich um Persönlichkeiten der deutschen Geschichte, einer Geschichte, die zwar passé, aber doch auch unsere Geschichte ist. Die drei zählen auch nicht mehr zu den Lebenden. Sollte aber doch noch ein L’benshauch in ihnen sein, so daß sie euch belauschen könnten‚ so müßt ihr eben hier so gute Reden halten, daß aus ihnen noch gute Sozialdemokraten werden. .. Sprach’s und ging zur Tagesordnung über.

Und nur so ist es erklärlich, daß im „heidnischen Hamburg“ – wie wir im Rheinland boshaft sagen – auf neun Dachgiebeln des Rathauses Heilige der römisch-katholischen Kirche stehen: Sieben Schutzheilige der ehemaligen Hamburger Kirchspiele und zwei der ehemaligen Hamburger Klöster. Zwar haben die Bürger der Stadt schon sehr bald nach der Reformation „die Paffen“ verjagt, weil sie die Lehren des Dr.Martin Luther für viel besser hielten als die der römischen Priester. Das hinderte die fernen Nachfahren indes nicht, ihnen auf dem neuen Rathaus einen guten Platz einzuräumen, denn die Katholischen haben nun mal einen guten Anteil am Wachstum der Stadt: Um 800 war „Hammaburg“ noch ein kleines Dorf – eigentlich nur ein Burgwall mit ein paar Handwerkerhäusern dahinter – auf dem Geestrücken des Elbufers, dort, wo heute die Petrikirche steht – gleich neben dem Pressehaus. Schon 843 machte Ludwig der Fromme Hamburg zum Erzbistum. Das gab dem kleinen Ort viel Auftrieb. Und wo heute die Journalisten ihre Autos parken – auf dem großen Platz am Speersort –, stand bis 1805 der große, ehemals katholische Dom, der dann wegen Baufälligkeit auf Beschluß des Senats abgerissen wurde.

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Wir überholen uns sozusagen selbst: In 13 Minuten haben wir acht Räume geschafft.

„Das hier ist das Waisenzimmer. Es heißt so, weil alle Kerbschnitzarbeiten an Türen, Decken und Täfelungen von 80 Waisenkindern im Alter von 12 bis 16 Jahren in fünfjähriger Arbeit hergestellt wurden.“ Die Tapete ist aus gepreßtem Filz in Öl getränkt – ebenfalls steinhart. Die Stühle sind Geschenke Hamburger Landgemeinden: Die Obst- und Gemüsebauern haben so auch ihr Teil zum Rathaus beigetragen ... Im nächsten Saal sind alle Türen mit Brandmalereien versehen ...“ Wir gehen gehorsam zum neunten Raum hinüber.

Nicht nur die Stühle sind Geschenke der Bürger für ihr Rathaus. Hier ist – bei Ausstattung und Einrichtung – vieles zusammengekommen, was Bürgersinn und Bürgerstolz einmal hergaben. Vielleicht sind auch deshalb so wenige Stücke darunter, die das kultivierte Mittelmaß erreichen. Alles ist zwar von hoher handwerklicher Qualität und nicht selten auch von einigem Materialwert. Alles ist aber auch recht bourgeois. So ist auch in diesem Sinne das Rathaus ein rechtes Bürgerhaus. Selbst Senatspressechef Erich Lüth klagt in seinem Buch „Stadt-Staat Hamburg“: