Der Premierminister zog eine Zigarette hervor und ließ sein Feuerzeug aufschnappen. Im selben Moment vernahm er ein Geräusch, das er für eine Fehlzündung seines Feuerzeugs hielt. Er scherzte noch darüber mit seiner Frau und seinem Bruder, als er einen plötzlichen Schmerz im Rücken verspürte. Er stand auf, sah Blut, taumelte vorwärts und sank seiner Frau in die Arme. 45 Minuten später war Jigme Dorji, Regierungschef des Himalaja-Königreichs Bhutan, tot. Todesursache: Lungenschuß. Ehe er bewußtlos wurde, diktierte er noch eine Grußbotschaft an die indische Regierung, die Bhutan nach außen vertritt.

Der Mord von Phuntsoling am 5. April dieses Jahres, in der übrigen Welt zunächst nicht sonderlich beachtet, war der Anlaß zu einer neuen gefährlichen Konfrontation zwischen China und Indien. Beide Staaten haben in den letzten Wochen an den Grenzen Bhutans Truppen zusammengezogen. Wenn nicht alle Zeichen trügen, sollte das Attentat einen prochinesischen Umsturz einleiten, der die strategisch wichtigen Pässe des Landes den Chinesen geöffnet hätte.

Als Mörder wurde inzwischen der bhutanesische Soldat Jambay Dupka angeklagt. Der 30jährige hat enthüllt, daß seine Mitverschwörer von chinesischen Agenten unterstützt wurden. Dupka war als Soldat der indischen Armee im Winterkrieg 1962 in chinesische Gefangenschaft geraten und vor seiner Entlassung einer „Gehirnwäsche“ unterzogen worden. Bei seiner Festnahme hatte Dupka zwei Pistolen (deutsches Fabrikat) und sieben Handgranaten bei sich. Er sollte die ganze Familie des Premierministers auslöschen, verlor aber nach dem ersten Schuß die Nerven und flüchtete. Darum können die Regierungsgeschäfte an einen der Brüder Dorjis übergehen, die ebenfalls prowestlich eingestellt sind.

Dorji, ein Schwager des Maharadschas von Bhutan, hatte seine 700 000 Landsleute in dem unwegsamen Lande (etwa so groß wie Nordwestdeutschland) mit technischen Errungenschaften westlicher Zivilisation vertraut gemacht. Noch vor zehn Jahren waren, nach seinen eigenen Worten, die einzigen Räder in Bhutan zwei Filmrollen eines Projektors, den er für Schulzwecke gekauft hatte. „Wir versuchten es mit Ochsenkarren, aber unser Volk mochte sie nicht.“ Mittlerweile hat Bhutan diesen Rückstand etwas aufgeholt. Dorji erlaubte Indien den Bau der ersten Straße nach Bhutan.

Vollends brach er mit der neutralen Politik seines Landes, als er allen Handel mit dem kommunistischbeherrschten Tibet untersagte. Während der chinesischen Offensive gegen die indischen Grenzprovinzen blieben alle Anstrengungen Pekings umsonst, Bhutan zur Kündigung seines Freundschaftsvertrages mit Neu Delhi zu zwingen!

Ansatzpunkt für die chinesische Unterwanderung war die Opposition der konservativen Priesterkaste gegen die Modernisierungspläne der Regierung. In Jatung in Tibet sollen Nachkommen eines Fürsten, der 1907 nach Tibet fliehen mußte, eine „Front zur Befreiung Bhutans“ gegründet haben, die mit der Herrschaft König Wangchucks aufräumen will. Die Gelegenheit schien günstig, da der König vor einem Jahr einen Schlaganfall erlitt und seither in einem Schweizer Sanatorium lebte. Zur Überraschung der Opposition flog der kranke König sofort nach dem Anschlag auf Dorji in seine Heimat zurück. Er säuberte seine Armee von Unzuverlässigen und ließ 41 Offiziere als Verschwörer festnehmen, darunter den stellvertretenden Oberbefehlshaber.

Doch die Gefahren für den Thron sind noch nicht beseitigt. Prochinesische Rebellen sollen sich Waffen beschafft haben. Seit langem werden in China Karten gedruckt, auf denen Teile Nordbhutans als chinesisches Territorium eingezeichnet sind. Peking hüllt sich zur Zeit in Schweigen. In Neu Delhi fürchtet man, es sei die Ruhe vor dem Sturm.