Zwischen einer sachlichen und einer ideologisch verquollenen Inszenierung, zwischen Leipzig und Berlin, offenbarte sich dann die ganze Verlegenheit der DDR-Dramaturgie. Meistens weist man Shakespeare eine entwicklungsgeschichtliche Zwischenstufe zu. „Humanistische“ Fortschrittlichkeit wird dem Briten zugebilligt wegen seiner angeblichen Sympathie mit dem heraufkommenden Bürgertum, und man relativiert damit erheblich den „Genius der Weltliteratur“, wie Abusch ihn immerhin titulierte. Und da – nicht wahr? – der totalitäre Kommunismus die bürgerliche Phase doch längst liquidiert hat, werden sich die Theoretiker noch anstrengen müssen, „ihren“ Shakespeare zu rechtfertigen.

Die reine Theaterpraxis sieht bedeutend unproblematischer aus. Wie der Leipziger „Timon“, so bestach der Weimarer „Richard III.“ durch ein kluges Arrangement. Der Regisseur Bennewitz ließ viel weniger Lehrstück spielen als Fritz Kortner mit derselben Tragödie in den Münchner Kammerspielen.

Auch der Berliner „Hamlet“ gab sich im ganzen viel selbstverständlicher, als es die Dramaturgen wahrhaben wollten. Hier traf man sogar auf einen Hamlet-Spieler – Horst Drinda –, der jeden Augenblick fesselte. Schon als Edmund Gloster im „Lear“ war dieser aparte, wirkungssichere Charakterspieler aufgefallen. Als Schauspieler hat auch Wolfgang Heinz Rang. Ein Stanislawski-Mann, der als Regisseur und Kommunist dauernd gegen seine eigentliche Begabung anspielt. Als König Lear ist er wenig glaubwürdig. Er müßte aber ein typrichtiger Fuhrmann Henschel sein, sein Spiel ist reich an naturalistschen Nuancen. Obwohl er in Momenten an die Diktion von Werner Krauß erinnert, gelangt Heinz als Wahnsinniger auf der Heide dann doch nur bis zum Singsang einer alt gewordenen, männlichen Ophelia.

Immer wieder wird der Zuschauer aus dem Westen von schauspielerischen Profilen gefesselt. Seit langem habe ich die drei Lear-Töchter nicht so stark und differenziert gesehen wie von Inge Keller (Goneril), Gisela May (Regan) und Margarete Taudte (Cordelia). Im „Hamlet“ wimmelte es von unkonventionellen Besetzungen, die als Einzelleistungen fesselten.

Im Gedächtnis haften bleiben aus der Leipziger Truppe der Bühnenbildner Bernhard Schröter, der Timon-Darsteller Hans-Joachim Hegewald und der zynische Philosoph Apemantus von Wolf Goette. Aus dem Weimarer Ensemble ragte als Richard III. ein verhältnismäßig junger Schauspieler hervor, Wolfgang Dehler, dessen Begabung ihn bald nach oben führen wird. Es gab soviel zu berichtigen im Bild vom „deutschen Theater“ schlechthin, daß ich schließlich anfing zu befürchten: Können am Schluß die Mannheimer wenigstens mit Ehren bestehen? Sie konnten es. Der mehr als halbstündige Beifall wirkte glücklicherweise nicht nur als politische Sympathiekundgebung. Die Vorstellung war gleich nach ihrer Ankündigung ausverkauft.

Provinz bleibt Provinz

Theaterbesuche in der DDR halten für den Gast aus Westdeutschland mancherlei Überraschungen bereit. Unabhängig von Übersetzungsfragen und Auslegungsproblemen bekommen da Shakespeares Texte plötzlich „realistische“ Pointen, auf die man gar nicht gefaßt ist. Das Publikum hört mit anderen Ohren. Erst durch Reaktionen im Weimarer Parkett ist mir bewußt geworden, wie verächtlich Shakespeare in mehreren Stücken von Politik und Politikern spricht. Das führte wiederholt zu Heiterkeitsausbrüchen oder Szenenapplaus, wie ihn zu Nazizeiten die Forderung Schillers auslöste: „Sire, geben Sie Gedankenfreiheit.“