Sooft ich auf dem Hamburger Hauptbahnhof ankomme, überfällt mich ein Gefühl wie beim ersten Mutsprung vom Drei Meter Brett: Ich möchte am liebsten wieder umkehren. Denn schon der Anblick des nüchternen hellgrauen Himmels verschafft die Gewißheit, daß in dieser Stadt für harte Arbeit ein gerechter Lohn vergeben wird. Und das ist eine keineswegs amüsante Vorstellung.

Gerecht ist schon der Blick des Empfangschefs im Hotel. Ihm habe ich nichts entgegenzuhalten, was einen Funken Interesse bei ihm wecken könnte: weder einen Diplomatenkoffer noch eine Anreise aus einem fernen Hafen oder einen Namen, der in einem Hamburger Kontorhaus kreditwürdig wäre. Mir bleibt nichts übrig, als mit dem Portemonnaie in der Hand Haltung anzunehmen. Im Hotelzimmer habe ich genug Zeit, darüber nachzudenken, was ich Wesentliches in Hamburg zu suchen habe. Spätestens jetzt überfällt mich tiefe Melancholie.

Schon in der Geographie der Stadt scheint mir ein Hinweis auf ihren Charakter zu liegen: "Auf Andersch in einem Porträt der Hansestadt. Männlich ist auch ihre Atmosphäre. Die Mauern der Büro- und Geschäftshäuser in der City strahlen Distanz aus. Hinter ihnen lebt jenes Wesen, das man den königlichen Kaufmann nennt. Auf einen Händedruck und ein Manneswort werden hier noch Häuser gebaut. Die Luft riecht nicht nur nach Seewasser, sondern auch nach Geld. Unwillkürlich fällt mir der Slogan ein: Was schon den jungen Kommis auf den börsengrauen Jacketts geschrieben steht "Im- und Export" ist das Wort, dem sie ihr Leben geweiht haben und bei dessen Klang ich nichts empfinden kann. Sauber, nüchtern, korrekt ist das Leben in Hamburg — und langweilig für den, der darin keinen Platz hat.

Auch die Modehäuser — Geschäfte, von denen ich mehr verstehe — entfesseln keine Leidenschaften: Das Auge schwelgt in solidem englischen Tweed. Die Kleider sind sehr zweckmäßig, sehr praktisch und eine Spur madamig. Kein Zweifel, daß sie ihre Pflicht erfüllen, den Körper bedecken und vor Wind und Wetter schützen. In diesem Klima mehr von ihnen zu erwarten, wäre wohl auch unvernünftig.

Die Nüchternheit der Hamburger ist groß. Wer sich in ihrer Stadt vergnügen will, dem bieten sie die Reeperbahn, auf die sie selbst nie gehen würden. Außerdem gibt es noch Lokale, in denen der Fremde gut und teuer essen kann. Wenn er dann noch etwas will, kann er sich in die Hotelhalle setzen and sich bis elf Uhr mit Alkohol amüsieren. Die Hamburger feiern derweilen zu Hause hinter den Gardinen. Wer eingeladen wird, muß vorges tellt sein. Wer dazu gehört, wird nicht viel darüber reden. Die geselligen Kreise sind festgefügte Cliquen und Klubs mit Feinherrenkult und Fünf Uhr Damen Tee, in denen der Fremde nichts zu suchen hat. Es war denn auch ein Zeichen unerhörten Vertrauens, als mich ein Hamburger eines Tages sehr förmlich zu sich lach Hause einlud. Die wohlgesetzten Worte, mit denen er die Einladung aussprach, beschworen Vorstellungen von Lohndiener, kaltem Büfett und schwarzem Anzug. Aber nach der herzlichen Gastlichkeit in seinem Haus fiel es mir bereits schwer, meine Vorurteile noch zu verteidigen. Von ihm lernte ich auch, daß eine Frau im Hause ihren Platz hat. Nach allem, was ich von dieser Stadt wußte, akzeptierte ich diese patriarchalische Gesinnung gern und fühlte mich ganz dtmodisch geborgen und außer Gefahr. Hamburgerinnen hatte ich zum erstenmal beim Friseur gesehen. Kühl und energisch saßen sie unter der Trockenhaube und waren von dem Typ, der im Lodenmantel Schiffe taufen geht oder am Nachmittag karitativ tätig ist. Ihre Selbstsicherteit ist beeindruckend, ihr Alter schwer zu schätzen, ihre Berufskleidung ein Twinset mit einer Perlenkette.

Daß Hamburg eine schöne Stadt ist, hätte ich wahrscheinlich bis heute nicht erfahren — wenn ich keine Freunde gefunden hätte. Ohne ihren Beistand ist von dieser Stadt nicht sehr viel mehr lennenzulernen als die Fassade und eine Handvoll harter Wahrheiten. Erst als Gast in einer Hamburger Familie schaudert man nicht mehr such die zweite Maxime, die mir förmlich mitgeteilt wurde: "Hamburger Freunde hat man für beruhigt auf dem Hamburger Hauptbahnhof an.