Von Waldemar Besson

Georg Kotowski: Friedrich Ebert. Eine politische Biographie. Band I: Der Aufstieg eines deutschen Arbeiterführers 1871 – 1917. Hans Steiner Verlag, Wiesbaden. 280 Seiten. 32,– DM.

Die Rede von der Misere des deutschen Geschichtsbewußtseins will nicht verstummen. Das Dritte Reich hat unsere Tradition in der Tat in allen ihren Teilen belastet. Nach Hitler, nach den Leiden des zivilen Geistes und dem mehrfachen Scheitern der Demokratie können die Bismarck und Hindenburg, so wie die Väter und Großväter sie gesehen haben, keine Nationalheiligen mehr sein.

Was bleibt in der deutschen Geschichte für eine gegenwärtige Orientierung übrig? Offensichtlich wenig, was einem heute noch ohne gedankliche Anstrengung und ohne Übung im historischen Verstehen zufällt. Wir gebrannten Kinder hüten uns mit Recht vor eilfertigen Aktualisierungen, die uns vergessen machen wollen, daß die Bismarck und Hindenburg eine andere historische Stunde gehabt haben, als es die unsere ist. Deshalb beneiden wir die Amerikaner, die an ihre Jefferson und Lincoln anknüpfen können, so als hätten sie gestern gelebt. Bei ihnen enthält die Geschichte auch die Maßstäbe für das Heute und Morgen.

Aber könnte nicht ein Mann wie Friedrich Ebert, der von vielen Vergessene und im Halbschatten der Anonymität Lebende, der Abraham Lincoln der Deutschen sein? Vor einigen Jahren hat Theodor Heuss Ebert einmal so gedeutet. Die Selbstverständlichkeit, mit der der große Schwabe in der demokratischen Tradition unseres Landes lebte, ließ ihn wohl übersehen, daß die Mehrheit seiner Nation anderswo zu Hause war.

Freilich, es gibt diese demokratische Tradition auch in der deutschen Geschichte, trotz aller Mißerfolge. Die deutsche Arbeiterbewegung gehört ihr an, der Liberalismus der Achtundvierziger, das Erwachen der sozialen Verantwortung im christlichen und akademischen Deutschland und manches andere mehr. Als die Lähmung von der deutschen Historie nach 1945 zu weichen begann, stieß sie auf diese so lange vernachlässigte Seite unseres Erbes. Auch wenn man dabei keine Nationalheiligen ausgegraben hat, so sind doch eine Reihe tüchtiger und redlicher Männer für die Deutschen von heute wiederentdeckt worden.

Einer von ihnen, nicht der geringste, ist Friedrich Ebert. Der lang erwartete Band der Biographie von Kotowski liegt nun vor. Ein geplanter zweiter Band soll nach den Angaben des Verfassers das Wirken des Staatsmannes Ebert charakterisieren. Das Jahr 1917 wird als Einschnitt gewählt. Das ist sinnvoll, denn in der Friedensresolution des deutschen Reichstags fand sich zum erstenmal jene Mehrheit zusammen, die später die Weimarer Republik tragen sollte. Ebert war einer ihrer Mitbegründer. Das hat seinem Leben und Wirken einen neuen und größeren politischen Raum eröffnet.