Von Kurt Simon

Die Bundesrepublik erlebt wieder einmal einen Skandal – ob es ein Rüstungs- oder ein Justizskandal ist, wird sich herausstellen. Seine Anfänge gleichen jedenfalls dem Beginn von Kriminalromanen, voller Spannung und Sensation. Am 23. April erscheinen morgens elf Kriminalbeamte im Arbeitsraum, des Generaldirektors und Großaktionärs der Kasseler Henschel Werke AG Dr. rer. pol. h.c. Fritz-Aurel Goergen und eröffnen ihm, daß gegen sein Unternehmen ein Ermittlungsverfahren wegen Betruges eingeleitet worden ist.

Während sich Goergen in Kassel einer Leibesvisitation unterziehen muß, wobei auch der Inhalt seiner Brieftasche nicht ungeschoren bleibt, durchsuchen Beamte der Staatsanwaltschaft sein Heim in Hösel bei Düsseldorf. Gleichzeitig durchstöbern Beamte das Gästehaus der Henschel-Werke auf dem Dachsberg in Kassel. Durchsucht werden auch die Privatwohnungen von vier leitenden Angestellten. Nachmittags verhaften Kriminalbeamte auf dem Flugplatz Kassel-Waldau den von einer Auslandsreise zurückkehrenden Chef des Materialeinkaufs Gundlach. Die Einschaltung von Interpol führt in Belgien zur Festnahme des Abteilungsleiters Hierser.

Ein Heer von Beamten der Polizei und des Koblenzer Beschaffungsamtes der Bundeswehr sammelte in den folgenden Tagen die Geschäftsunterlagen, trug kistenweise Material zusammen und prüfte es. Goergen selbst blieb noch auf freiem Fuß. Am 26. April, am Vorabend des Messebeginns, hatten sich in Hannover Industrielle aus der ganzen Bundesrepublik versammelt, die dem Bundeskanzler deutlich und angeblich mit einigem Erfolg ihre Meinung über die angekündigten Konjunkturmaßnahmen sagten. Unter ihnen befand sich der Chef der Henschel-Werke. Noch hatten sich nicht alle Teilnehmer zur Nachtruhe zurückgezogen, als Goergen festgenommen wurde.

Am Sonntagmorgen, als die Messe ihre Tore öffnete, brachte man ihn nach Kassel. Obwohl die Ermittlungen noch nicht abgeschlossen sind, sickert durch, die Henschel-Werke hätten in den Jahren 1960 und 1961 Ersatzteile für amerikanische Panzer bei den Reparaturrechnungen der Bundeswehr zu einem höheren Preis in Rechnung gestellt als sie selbst gezahlt hätten. Goergen wird angeblich wegen des Verdachts der Untreue und des Betruges in Haft gehalten.

Inzwischen hat die Staatsanwaltschaft ihr Schweigen gebrochen und den Schleier ein wenig gelüftet: Insgesamt wird gegen sieben große und mittlere Firmen wegen des Verdachts des Rüstungsbetrugs ermittelt. Die Nachforschungen bei den Henschel-Werken sind nur ein Teil dieser umfangreichen Ermittlungsaktion.