Spektakuläre Weltraum-Taten bahnen sich an, nachdem die Amerikaner mit dem gelungenen Testflug einer unbemannten Gemini-Raumkapsel den ersten Schritt zum Mond getan haben: Zwei-Mann-Flüge um die Erde stehen bevor, Rendezvous-Manöver, Aufenthalte im Weltraum für die Piloten bis zu 14 Tagen im pausenlosen Karussellflug um die Erde. Zweck der Unternehmen ist es, Besatzung und Fahrzeuge fit zu machen für den großen Coup gegen Ende dieses Jahrzehnts: den Drei-Mann-Flug in einer Apollokapsel, die den ersten Amerikaner noch vor der russischen Konkurrenz auf den Mond bringen soll.

Die Begeisterung für das Mondprojekt ist verständlich, doch sollte sie nicht darüber hinwegtäuschen, daß es vielleicht sinnvoller gewesen wäre, die investierten Milliarden zunächst in ein näherliegendes Projekt zu stecken, in ein Projekt, dessen Durchführung die NASA zwar nicht versäumen will, das sie aber bis dato noch zeitlich hinter den Mondschuß verlagert hat: den Bau eines bemannten Groß-Satelliten.

Die Frage bohrt, ob Prestigegewinn und weltraumtechnischer Erfahrungszuwachs bei einem amerikanischen Mondlande-Primat wirklich so groß sind, daß sie gegenüber einem von den Russen im Vorrang gebauten Groß-Satelliten mit ständig sich ablösender Besatzung und regelmäßigem Zubringerdienst noch merklich zu Buche schlagen.

Aus Nachrichten, die der Leiter des englischen Jodrell-Bank-Observatoriums, Professor Lovell, von einer Studienreise in die UdSSR im vorigen Jahr mitbrachte, konnte man entnehmen, daß wir mit einer solchen Entwicklung der Dinge rechnen müssen. Die Gründe der Russen, den Wettlauf zum Mond gegebenenfalls zu einem toten Rennen der Amerikaner werden zu lassen, mögen dabei nicht nur finanzieller Art sein.

Wie zum Beispiel, wenn man den amerikanischen Astronauten die Schau stiehlt und just in der „Mondflug-Woche“ vor aller Augen einen bemannten Groß-Satelliten zusammenbastelte? Die strategische und zivile Bedeutung eines solchen Vehikels wäre ungleich höher einzuschätzen als ein noch so exzellenter Mondflug, als noch so scharfe Fernsehbilder von den Mondkratern. Eine derartige Station könnte als Ausbildungsstätte oder Absprungbasis für Raumpiloten dienen. Sie könnte mit einem Spiegelsystem verbunden sein, mit dem Sonnenlicht auf die Erde reflektiert wird: Gebündelte Sonnenstrahlen könnten, nach einer Idee Professor Oberths, Sumpfgebiete austrocknen, zur Beleuchtung nächtlicher Städte dienen oder – indem sie Schnee- und Eismassen abschmelzen – gar zur Wetterbeeinflussung dienen. Eine Großraumstation, die den Erdball in ein paar hundert Kilometer Höhe umrundet, böte auch ausgezeichnete Bedingungen für astronomische Beobachtungen außerhalb des „trüben Fensters“ unserer Atmosphäre. Sie erlaubte Experimente im Zustand der Schwerelosigkeit und im Vakuum. Schließlich würde sie ein ideales Treibstoff-Depot zum Auftanken von Raumfahrzeugen abgeben und ein einzigartiger Beobachtungsstand für Ereignisse auf der Erde sein – von der Atomexplosion bis zu Notsignalen von Schiffen und Expeditionen; von den nachrichtentechnischen Möglichkeiten ganz zu schweigen.

All dies ist gewichtig genug, um den langen Aufschub des Großsatelliten-Projektes durch die amerikanische Weltraumbehörde bedenklich erscheinen zu lassen. Man vergegenwärtige sich, welche Lage entstünde, wenn das Mondprojekt in seiner entscheidenden Phase scheitert und die Amerikaner gezwungen werden, einem bereits existierenden russischen Groß-Satelliten rasch einen eigenen zur Seite zu stellen. Diese Situation – dazu bedarf es keiner Phantasie – könnte für die westliche Welt zu einem größeren Schock werden, als es „Sputnik I“ war. Theo Löbsack