Kleine Begebenheiten, die einen tief bewegen können, gibt es überall, man muß sich nur die Mühe machen, etwas unter die Oberfläche zu sehen. Da lebe ich seit Jahren in einem kleinen Ort bei London. Wir haben ein eigenes Telephonamt, da geht es noch ganz gemütlich zu, ohne Selbstwähldienst.

Da kenne ich seit langem – per Draht – einen Beamten, der immer Nachtdienst hat. Neulich bat ich ihn, mir zu sagen, ob über einer bestimmten Straße nach Norden Nebel liege. Darauf antwortete er mir, er müsse einen Kollegen fragen, da er blind sei. Durch diese zufällige Frage erfuhr ich von dem Hobby des blinden Telephonisten. Auf einem billigen Tongerät macht er Aufnahmen für andere blinde Hörer und schickt die Tonbänder leihweise an Blindengruppen und einzelne Personen, die ein Tongerät besitzen.

Als ich ihn ein paar Tage später zu Hause besuchte, zeigte er mir sein „Studio“ in seinem Wohnzimmer und ließ mich einige Tonbänder abhören. Dann erklärte er mir, daß vielen Blindgeborenen die Rundfunkreportagen und Vorträge nicht genügten, da diese von Sehenden für Sehende gesprochen werden. So kann der Rundfunkbericht über eine Schiffstaufe den Verlauf der Handlung und die Gesamtatmosphäre übermitteln, aber nicht die Form. Da der Bericht für Sehende gesprochen wird, setzt der Reporter natürlich voraus, seine Hörer wüßten, wie ein Schiff aussieht. Jedoch ein Blinder, der nie einen Dampfer gesehen hat, kann sich nur eine sehr unvollständige Vorstellung machen und der Bericht wird nur teilweise verstanden. Der blinde Postbeamte hofft nun, diese Lücke zu füllen.

Von interessanten Ereignissen oder Reiseberichten übernimmt er das Grundmaterial vom Rundfunk und bearbeitet es für die blinden Hörer, entweder durch genauere Worterklärung oder auch mit ganz einfachen Anführbeispielen. Um den Blinden einen Fabrikschornstein verständlich zu machen, empfiehlt er, sich an Hand einer Papierröhre vorzustellen, sie wäre aus Ziegelsteinen gemauert – Ziegelsteine haben die meisten schon betastet. Sie sind fünfundzwanzigmal so hoch wie der Blinde selbst und sechsmal so breit. Eine Antilope in einem Reisebericht beschreibt der als einen glatthaarigen Hund, der dreimal so groß ist. Dann erklärt er dem Blinden an Hand eines Spazierstockes die Länge der Hörner.

Der Erfolg seiner Aktion ist groß, denn er versucht, in die dunkle Welt der Blinden die Vorstellung von Formen unbekannter Dinge zu geben. Bisher sandte er etwa 25 Tonbänder wöchentlich an seine Zuhörer. Vollkommen unentgeltlich. Nun sind einige Blindenfürsorge-Organisationen aufmerksam geworden. Sie unterstützen ihn mit einer Geldbeihilfe und interessieren sich nun für seine Methode, die Geschehnisse der Welt den Blinden näherzubringen.

H. M. Nieter O’Leary