Vor mehr als einem Jahr hat der Stuttgarter Frederic W. Nielsen den Vorschlag gemacht, für die Contergan-Opfer ein Behandlungs-, Orthopädie-und Ausbildungszentrum zu schaffen: ‚Aufgewühlt durch die täglichen Berichte über entsetzliche Verstümmelungen, die der Droge Contergan zugeschrieben werden, schrieb ich mir in den Novembertagen des Jahres 1962 einen Gedanken von der Seele – die Idee einer Kleinen Stadt.“ Die Kleine Stadt sollte vor allem jene Kinder aufnehmen, die besonders hart betroffen sind, zu Hause als schwere Last empfunden werden und unter ihrer Umgebung leiden. Zwar gibt es manche Gründe, die gegen die Kleine Stadt sprechen; immerhin war da ein Vorschlag gemacht vorden, der des Überdenkens wert ist.

Nielsen meinte – und ein Mitglied des Gesundheitsausschusses des Bundestags bestärkte ihn darin –, daß der Bundestag für eine solche Frage der geeignete Resonanzboden sei. Zumindest könnte er vom Gesundheitsministerium Rechenschaft darüber verlangen, ob alle schwerbehinderten Kinder die Möglichkeit hätten, medizinisch und orthopädisch ausreichend versorgt zu werden und eine ihrer Begabung entsprechende Schulbildung und Berufsausbildung zu bekommen.

Nielsen schickte also am 14. Januar 1963 seinen Aufruf als Broschüre in 521 Exemplaren an die Bundestagsverwaltung – mit der Bitte um Verteilung an die Abgeordneten. Nach, wie ihm schien, abgemessener Frist, am 21. Februar, erkundigte er sich nach dem Verbleib der Broschüre. Er erhielt keine Antwort. Auf seine zweite, drängende Anfrage erfuhr er am 21. März, die Broschüren seien bereits am 7. Februar auftragsgemäß verteilt worden. Nielsen: „Was mich beim verspäteten Empfang dieser Nachricht besonders stutzig machte, war die Tatsache, daß auch nicht ein einziger Abgeordneter, keiner von rechts und keiner von links, ja nicht einmal ein Mitglied des für solche Fragen doch zuständigen Gesundheitsausschusses das geringste Interesse an diesem Problem, dem Schicksal der schwerversehrten Kinder, gehabt haben sollte.“ Zur Ehre der Abgeordneten schreibt Nielsen weiter: „Trotz mancher Dinge, die man über Bonner Zustände schon erfahren hat, hielt ich eine solche totale Gleichgültigkeit für völlig ausgeschlossen.“

Nielsen machte die Probe aufs Exempel: Er sandte die Broschüre einem Stuttgarter Bundestagsabgeordneten und bat ihn, sie auch einigen Fraktionskollegen vorzulegen. Dessen Antwort: „Ich habe bis jetzt keinen Abgeordneten gefunden, der mir hätte bestätigen können, daß er in den Besitz des fraglichen Heftes gekommen ist.“ Daraufhin sandte Nielsen weitere Informationen darüber, wie er sich die Verwirklichung seines Plans vorstellte, an die privaten Adressen von hundert Abgeordneten.

Zu dem Vorwurf, warum sie die Broschüre mit völligem Stillschweigen übergangen hätten, meldeten sich vierzehn der hundert Abgeordneten; keiner konnte den Eingang der damaligen Broschüre bestätigen. Nielsen kommt zu dem Schluß: „Eindeutig erwiesen ist demnach, daß die Broschüren auf keinen Fall an alle Abgeordneten verteilt wurden. Was ich noch nicht weiß, im Interesse der Sache aber wissen möchte, ist die Antwort auf die Frage, ob sie überhaupt ein einziger erhalten hat. Und ob sie nicht verschwunden sind oder irgendwo verstauben ...“

Nielsen hat diesen Vorgang in einer neuen Broschüre geschildert; er hat dieses Kapitel überschrieben: „Kleine Anfrage an 521 Volksvertreter“. Die Broschüre „Kleine Stadt wozu?“ – enthält auch einen „Offenen Brief“ an die Frau Gesundheitsminister. r. g.