Nach allem, was man von Shakespeare weiß und nicht weiß, war er gar nicht so, der große Dichter. Der Mann hat ja Worte in den eigenen Mund genommen und in die der Schauspieler gelegt, daß ... na, da kann man ja direkt vierhundert Jahre lang in einem fort erröten. Und so würde er wohl selber nichts dagegen haben, könnte er folgende aktuelle Nachricht lesen: Die London-Strip-Tease-Mädchen vom „Casino de Paris“ – auch sie wollen dear old Williams Jubiläum feiern!

Sei es, weil Shakespeare ihr Landsmann ist, sei es, weil sie Literatur lieben, auf jeden Fall: Sie tun ihr Bestes. Sie zieh’n sich aus.

So ausgetan, sind sie nichtsdestoweniger angetan mit einigen Symbolen, die sie in den Händen oder auf den Köpfen tragen; mit Shakespeare-Symbolen. Der Genius selber ist auf einem großen Porträt im Hintergrund der Bühne zu sehen. Vor seinen Augen also, seinem Barte, spielen sich die Nuditäten ab.

Seht Ophelia! Wie Eva im Paradiese! „Geh’ in ein Kloster, Ophelia“, riet Hamlet ihr an. Aber so nackt? Solche Mädchen im Zustand, wie „Gott sie geschaffen“, nehmen Klöster sonst nicht gern.

Und achtet auch genau auf Julia, die sich vor einem Parkett von trunkfreudigen Romeos langsam entkleidet, sehr langsam, als ob die klassische Liebesnacht nie enden würde. Und wenn sie dann dasteht, nur Haut und Knochen und Kurven und im Angesicht ein süß-blödes Lächeln, dann macht es ihr gar nichts aus, daß mit ihrer Position der Vers verbunden ist: „Es ist die Lerch’ und nicht die Nachtigall.“ Es ist ja der Mann am Scheinwerfer! Er dreht den Strom aus. Er ist’s, der anstatt der Lerche sagt: Jetzt aber Schluß!

Und dann die reine, weiße Frauengestalt der Desdemona, die schwarz verheiratet war. Und was Othello zu sagen erlaubt war, das ist allen Gästen des Casino de Paris“ erlaubt: „Zieh’ dich aus, Desdemona.“

So also feiern, vom allgemeinen, vom weltweiten Shakespeare-Enthusiasmus hingerissen, auch die Londoner Strip-Teasösen den großen englischen Dichter mit seinem weiten Herzen, in dem alle Geheimnisse, Weisheiten und Rätsel Platz haben und also wohl auch noch ein paar Nackedeis.

Ein jeder feiert Shakespeare’n nach seiner Art: die einen mit hohen Aufsätzen, die anderen mit hohen Absätzen, auf denen sie ohne weitere Zutat zierlich einhergleiten. Bloß eines haben die Damen leider nicht bedacht: Der Dichter auf dem Porträt im Hintergrund ist bekleidet – nicht nur mit Bart, sondern auch mit Halskrause und anderen Anziehsachen. Welche Stillosigkeit!