Wer die hamburgische wirtschaftspolitische Diskussion verfolgt, könnte es als merkwürdig empfinden, daß ausgerechnet im 775. Jubiläumsjahr des Hamburger Hafens das Schlagwort von der Notwendigkeit einer aktiven Industriepolitik im Vordergrund steht. Anfang des Jahres hat die Handelskammer Hamburg in ihrem Bericht über 1963 ein "Neues HamburgBild" entwickelt, in dem die industrielle Expansion als eine wirtschaftspolitische Hauptaufgabe dargestellt wurde. Dieser Bericht hat die fruchtbare Diskussion über das Verhältnis von Hafen, Handel und Industrie im Hamburger Wirtschaftsraum weiter belebt.

Die neue wirtschaftspolitische Akzentuierung könnte leicht den Verdacht aufkommen lassen, eine Betonung der Industrie als Wirtschaftsfaktor sei mit einer Minderbewertung anderer Faktoren verbunden. In Wirklichkeit ist das sicherlich nicht der Fall. Außenwirtschaft, Hafen und Schiffahrt werden immer die charakteristischen Bereiche bleiben, die der Stadt Hamburg und dem norddeutschen Raum ihr besonderes Gepräge geben. So hat es die Handelskammer in ihrem Jahresbericht formuliert.

Man muß sich bei der gegenwärtigen Diskussion über die Fortentwicklung der Hamburger Wirtschaftsstruktur darüber klar sein, daß es in erster Linie darum geht, alle Möglichkeiten auszuschöpfen, damit die Wohlstands- und Einkommensentwicklung an der Elbe mit anderen Kraftzentren des Gemeinsamen Marktes Schritt hält. Eine solche Einkommenspolitik kann mit Aussicht auf Erfolg bevorzugt nur in jenen Wirtschaftsbereichen ansetzen, in denen das Schwergewicht der Einkommensbildung liegt. Dieses ist eindeutig der Sektor der Industrie und des produzierenden Handwerks, m dem 44 Prozent des Bruttoinlandsprodukts der Stadt Hamburg entstehen. Auf den Groß- und Außenhandel entfallen weitere 17 Prozent der Wertschöpfung der Hamburger Wirtschaft, auf den Verkehrsbereich (ohne Schiffahrt) 7 Prozent und auf Schiffahrt und Einzelhandel abermals je 6 Prozent. Von diesen Größenverhältnissen muß eine Einkommenspolitik primär ausgehen. Dabei wäre es falsch, bei einer Betrachtung der einkommensbildenden Kraft einzelner Wirtschaftsgruppen die Bedeutung jener Zweige zu unterschätzen, die nicht in erster Linie als Wertschöpfungsfaktor ihre besondere Rolle spielen, sondern als Funktionsträger erster Ordnung Ohne die Funktion des Bankenapparates zum Beispiel wäre ein Welthandelsplatz wie Hamburg undenkbar, obwohl die einkommensbildende Kraft des Bankgewerbes sicherlich nicht groß genug ist, um als Ansatzpunkt für eine gezielte Einkommenspolitik zu dienen. Wenn diese Zusammenhänge klar werden, kann es in der Hansestadt auch keine Mißverständnisse um das Neue Hamburg Bild geben.

Eine besondere Rolle spielt in seiner funktionalen Bedeutung der Hamburger Hafen für die gesamte Wirtschaftsstruktur in der Stadt und in den Nachbargebieten Schleswig Holsteins und Niedersachsens. Der Hafen ist in seiner ganzen 775jährigen Geschichte der entscheidende Standortfaktor und Kristallisationspunkt für jedä nachgeordnete gewerbliche Tätigkeit gewesen. Der mittelalterliche Kaufmannshandel mit seinen Kauffahrteischiffen konnte nur an einem Hafenplatz erblühen. Der Aufschwung der Rohstoff verarbeitenden Industrien im 19. Jahrhundert hat sich ebenfalls allein aus Transportkostengründei auf die Seehafenplätze konzentrieren müssen. Ii beiden Fällen hat der Hafen Hamburg die Keimzelle für zwei wichtige Bereiche der Hamburger Wirtschaft gebildet.

Wenn Hamburgs Industrie, der Groß- und Einzelhandel und die Dienstleistungsgewerbe sich heute auf ein Konsumentenpotential von 10 Millionen Menschen in einem Umkreis von 150 Kilometer um die Stadt stützen können, so kann bei einer Betrachtung des historischen Ablaufs nicht übersehen werden, daß am Anfang dieser Bevölkerungsballung der Hafen und die von ihm befruchteten Gewerbe gestanden haben.

Die typischen Seehafenindustrien, wie MineralÖlraffinerien, Schiffswerften, Metallhütten, Kautschuhfabriken, öl- und Getreidemühlen, Zigarettenfabriken oder Kaffeeröstereien — ursprünglich das Schwergewicht der Hamburger Industrie — tragen heute noch etwa zur Hälfte zu den Hamburger Industrieumsätzen bei. Die andere Hälfte umfaßt nicht nur die in einem Konsumzentrum selbstverständlichen Nahrungsmittelindustrien, wie etwa die Bierbrauereien, sondern auch sehr viele sogenannte Landindustrien, deren Beziehung zum Seehafenplatz nicht auf den ersten Blick erkennbar ist.

Und doch haben viele typische Landmdustrien, die in den letzten Jahrzehnten Hamburg oder die nähere Umgebung der Stadt zum Standort gewählt haben, sehr enge Beziehungen zum Hamburger Hafen. Es ist nämlich keineswegs so, daß nur die typischen Seehafenindustrien mit ihren ms Auge fallenden Rohstoffimporten den Hafen beleben. Die zunehmende Verflechtung der Industriestaaten hat dazu geführt, daß viele Verarbeitungsindubtrien mit einem hohen Anteil ausländischer, etwa englischer oder amerikanischer Zulieferungen, arbeiten.