Von Werner Höfer

Ein „alter Preuße“ bewahrt sein Leben lang den angeborenen Respekt gegenüber der Position und der Person eines Landrats. Seit es das alte Preußen nicht mehr gibt, gibt es auch den Landrat alter Schule kaum mehr. Im größeren Teil der früheren britischen Zone teilt er das Schicksal der Bürgermeister: nur noch eine parlamentarisch-repräsentative Galionsfigur zu sein, Co-Pilot des für die Verwaltung zuständigen Direktors. In anderen Landen freilich, wenngleich es keine bundeseinheitliche Regelung gibt, ist dieser Mann noch etwas wert, eine Art von Landgraf, der manches zu sagen hat, ohne wegen jeder Kleinigkeit höheren Orts nachfragen zu müssen, nur der Aufsicht durch die übergeordneten Instanzen, den Regierungspräsidenten und dem Innenminister unterworfen. Die preußischsten Landräte gibt es heutzutage am ausgeprägtesten vielleicht in Bayern, wo sie direkt vom Volke gewählt werden.

In Hessen hat solch ein Landrat, als politischer Beamter vom Kreistag gewählt, gesagt und getan, was er kraft seines Amtes und unter Berufung auf sein Gewissen zu sagen und zu tun für richtig hielt: Edwin Zerbe aus dem Zonengrenzkreis Hersfeld. Der 47er ist in der Haupt- und Kurstadt Wiesbaden geboren, gehört zur Traditionskompanie der hessischen SPD (der Vater war bereits im kaiserlichen Deutschland sozialdemokratischer Bürgermeister), hat als Soldat Kasernenhof und Schlachtfeld überlebt, studierte nach dem Krieg Rechtswissenschaft, wurde Referent im hessischen Kultusministerium, gehört der Landtagsfraktion seiner Partei an und wurde vor neun Jahren zum Landrat von Bad Hersfeld gewählt.

Bis vor kurzem war Landrat Edwin Zerbe weniger bekannt als seine Kreishauptstadt, die sich nicht nur „Bad“ nennen kann, sondern ein „Staatsbad“ ist, heilsam für Magen, Galle, Leber. Der Kreis lebt freilich nicht nur von den Kranken, leidet aber in seiner industriellen und gewerblichen Produktion, dem Kalibergbau und der Textilwirtschaft, unter der Grenznähe. Die Abwanderung von Fertigungsbetrieben und Arbeitskräften ist größer als die Zuwanderung. In den höheren und weiteren Regionen der Kultur hat Bad Hersfeld sich mit seinen Festspielen einen Namen gemacht und gehalten, denn von dem Nachkriegsüberangebot an Festivals können nur die Ruhr-Festspiele von Recklinghausen und die Ruinen-Inszenierungen dieses Hessenstädtchens überregionales Interesse beanspruchen.

Seit Jahresbeginn geistert nun der Landrat von Bad Hersfeld durch die Schlagzeilen. Denn er hatte eine Idee – eine gute und wahrhaftig naheliegende Idee. Und es fing alles so harmlos an! Alle Jahre wieder, kurz nach Neujahr, pflegt der Herr Landrat die kreisansässigen Pressevertreter um sich zu versammeln. So geschah es auch am ersten Werktag des Jahres 1964.

„Was haben Sie, Herr Zerbe, den Kollegen damals an Sensationellem zu sagen gehabt?“

„Etwas Sensationelles hatte ich überhaupt nicht im Sinn. Wie jeder Deutsche war ich sehr angetan von dem Berliner Ereignis der Weihnachts- und Neujahrstage, von der Übergangslösung in der Passierscheinfrage. Ich regte an, etwas Vergleichbares an der Zonengrenze in Gang zu bringen, in Form eines kleinen Grenzverkehrs. Ich empfahl Verhandlungen zwischen den Vertretern der thüringischen Nachbarkreise und dem Landra: des hessischen Kreises Hersfeld.“