Berlin, im Mai

Der Berliner Senator für Jugend und Sport, Kurt Neubauer, dem die Eignung zum künftigen Landesvorsitzenden der SPD nachgesagt wird, übernimmt zu Pfingsten das Kommando über eine Einsatztruppe von zehntausend Jugendlichen aus der Bundesrepublik. Sie kommen aus Organisationen, Verbänden, Schulen und Universitäten. Sie erhalten Unterkunft in Westberlin, ihr Ziel aber ist das Pfingsttreffen der kommunistischen „Freien deutschen Jugend“ in Ostberlin. Dort wollen sie keineswegs provozieren, wohl aber diskutieren.

Ursprünglich hatten Berlins Senatoren darüber gesprochen, ob zu Pfingsten nicht ein Gegentreffen in Westberlin veranstaltet werden sollte. Man erwog, den Bundeskanzler und den Regierenden Bürgermeister zu einem Aufruf zu bewegen, und man rechnete mit einhundertzwanzigtausend bis zweihunderttausend Jugendlichen, die dann nach Berlin gekommen wären. Der Plan wurde indes schnell wieder zu den Akten gelegt. Nicht weil eine Düsseldorfer Zeitung ihn frühzeitig bekannt gab, auch nicht, weil organisatorische Schwierigkeiten entstanden wären, sondern ganz einfach, weil die Senatoren die Mentalität der Jugendlichen zu kennen glauben. „Was gibt es hier zu tun?“, so meinten sie, wäre die erste Frage der Jugendlichen gewesen. Und dann wäre der Sturm auf die Mauer losgegangen. Die Senatoren befürchteten, sie müßten dann die Geister, die sie riefen, mit Wasserwerfern wieder beruhigen.

So blieb es bei den Zehntausend. Senator Neubauer hat sie nicht ausgesucht, aber es werden wohl nur die politisch Versierten kommen. Und um sie noch versierter zu machen, ließ Neubauer eine Dokumentation zusammenstellen, die allen Jugendlichen erklärt, wie sie sich zu benehmen haben, um nicht mit den Gesetzen der DDR in Konflikt zu geraten. Außerdem wird darin dargelegt, wie unterschiedlich die „Errungenschaften“ in der DDR und in der Bundesrepublik sind. Da ist beispielsweise das „Gesetzbuch der Arbeit“, eine vergleichende Darstellung. Links im Text steht, was die SBZ, und rechts, was die BRD den arbeitenden Menschen bietet. Und auf jeder Seite ist Platz für eigene Notizen. Dazu legte der Senator noch authentische Dokumentationen. „Der Jugendliche in der Massenorganisation“ heißt eine.

Eines konnte der Berliner Senator für Jugend und Sport verhindern: daß sich die Jugendlichen sehr am Rande der Legalität bewegen. Die Teilung der Gewalten gestattet es unseren Staatsanwälten, den Kontakt unserer jungen Leute mit den Funktionären der FDJ ganz anders zu beurteilen als der Senat von Berlin. Schon die Verhaftung der sechs FDJ-Funktionäre in Niedersachsen wird in Braunschweig und Berlin ganz verschieden beurteilt. „Es wäre besser gewesen, man hätte die Leute einfach zurückgeschickt“, meinte Neubauer. Die Braunschweiger aber haben sie festgesetzt. Erst nach sechs Wochen Untersuchungshaft sollen sie, nach einem kurzen Urteilsspruch, wieder abziehen können. „Und in den sechs Wochen werden sie in aller Welt als Opfer bundesrepublikanischer ‚Terrorjustiz‘ vorgeführt! – Da kann ich nichts machen“, meinte der Senator melancholisch.

Ebensowenig kann er seine schützende Hand über die westdeutschen Jugendlichen halten, die nach Hause zurückkehren. Es ist nämlich gar nicht so leicht zu unterscheiden, wer drüben strafbare Kontakte aufnimmt und wer nicht, wer als Teilnehmer und wer als Beobachter nach Ostberlin geht. Neubauer will seinen Zehntausend genau einschärfen, daß sie sich unter keinen Umständen als offizielle Teilnehmer verwenden lassen sollen. Die FDJ stellt bei den Mauer-Durchlassen Kioske auf. Da erhalten westdeutsche Jugendliche Karten, damit sie die verschiedenen Veranstaltungen, vor allem die Diskussionsforen, besuchen können. Steht auf der Karte, daß sie Teilnehmer sind, sollen sie ablehnen und notfalls zurückkehren. Wird es aber Neubauer gelingen, jedem einzelnen die Bedeutung der Teilnehmerschaft klarzumachen?

Außerdem hat das Festkomitee der FDJ ja auch von sich aus westdeutsche Jugendliche eingeladen. Sie werden also „Teilnehmer“ des FDJ-Treffens sein und sogar in Ostberlin untergebracht.

René Bayer