Von Marcel

In der Süddeutschen Zeitung las ich neulich, ein englischer Theaterkritiker habe vor einiger Zeit zu bedenken gegeben, ob es nicht ratsam wäre, sich nach dem Muster des Internationalen Geophysischen Jahres zu einigen, daß dem Jahr 1963 sogleich das Jahr 1965 folgt. Das würde zwar einige Komplikationen verursachen, aber uns immerhin das Shakespeare-Jahr ersparen.

Nichts ist uns erspart geblieben. Jedenfalls in der Presse der Bundesrepublik. Eine Shakespearerei wurde entfesselt, die nicht mehr zu ertragen ist. Und es sieht nicht danach aus, als hätten wir sie schon hinter uns.

In der DDR-Presse widmete man dem Jubilar – einstweilen – weniger Raum. Nicht aus Menschenliebe. Nur hat man dort jetzt andere Sorgen: Von Bitterfeld war letztens die Rede und nicht von Stratford. Und häufiger als Shakespeare wurde Kafka erwähnt.

Aber ein Festakt fand natürlich doch statt – in Weimar. Das Neue Deutschland teilte mit: „Walter Ulbricht und Genossin Lotte Ulbricht bezeugten durch ihre Teilnahme an diesem bedeutsamen Ereignis ihre Hochachtung und Verehrung für den großen Realisten und Humanisten Shakespeare.“ Sehr fein.

Zu beneiden sind Ulbricht und die Genossin Lotte allerdings nicht. Denn sie mußten sich eine lange Festansprache von Alexander Abusch anhören. Da hieß es: „Er war Lyriker von edelstem Gefühl, der uns sein Strophenwunder der Sonette hinterließ. Mit dem Blick des genialen Menschengestalten entgötterte er die zum Untergang verurteilte feudale Welt, ahnte die revolutionären Umwälzungen voraus...“ – und so weiter in dieser Preislage. Tucholsky schrieb bei solchen Gelegenheiten: „Mensch! halt die Luft an.“

Ferner erklärte Abusch: „Hamlets Frage nach Sein oder Nichtsein... konnte für das Publikum nur die Antwort finden in dem Drang nach der Einheit von Denken und Handeln, um eine neue menschliche Ordnung zum Durchbruch zu bringen.“