Frankfurt, 28. April 1964

Sehr geehrte Herren,

Fritz Schwarz aus Marburg hat in der ZEIT Ernst Schwinge gegen die Studentenzeitschrift „5 vor 12“ verteidigt. Er hat dabei den unwissenden jungen Leuten sehr selbstsicher klarzumachen versucht, wie das damals seiner Meinung nach gewesen sei. Mit Argumenten, die wir zwar seit zwanzig Jahren zu hören bekommen, die jedoch dem Verschleiern mehr dienen als der Wahrheitsfindung.

Daß die deutschen Universitäten 1933 versagt haben, als Institution (was nicht heißt, daß jeder einzelne Universitätslehrer versagt hat), ist gelegentlich festgestellt, von den Universitäten selbst aber offiziell kaum je zur Kenntnis genommen worden.

Es ist nicht weniger zu beklagen, daß sie seit 1945 wiederum versagen, und darüber wird noch seltener gesprochen. Man hat sich offenbar gedacht, die Sache sei damit ausgestanden, daß die Besatzungsmächte ein paar der allerschlimmsten Fälscher nicht mehr auf ihre Lehrstühle haben zurückkehren lassen.

Nichts war damit ausgestanden, und es wird auch solange nicht ausgestanden sein, bis die Universität einmal beginnt, sich mit ihrer eigenen Vergangenheit zu beschäftigen, bis wir so peinlich und genau wie irgend möglich erfahren haben, was von 1933 bis 1945 an jeder einzelnen Universität und in jedem einzelnen Fach geschehen ist.

Zwanzig Jahre sind eine lange Zeit – sie hätte genügen sollen. Aber es ist noch nicht einmal ein Anfang gemacht worden. Da wundert man sich, wenn nun die Studenten von sich aus den einen oder anderen Fall aufgreifen. Sie haben schließlich ein Recht darauf, zu wissen, wer sie unterrichtet und ob sie seinem Unterricht vertrauen können. Es läßt sich nicht vermeiden, daß sie in den älteren Schriften ihrer Lehrer blättern, und leider läßt es sich auch nicht vermeiden, daß sie in diesen älteren Schriften immer wieder auf ein kaum vorstellbares Maß an Charakterlosigkeit und Dummheit, auf reine Perfidie und eine ekelhaft verkommene Sprache stoßen.