Da sitze ich also tagtäglich über Büchern und Manuskriptblättern und studiere so vor mich hin. Warum eigentlich? Ja, warum..., denn aus mir kann gar nichts werden, die Zeichen stehen zu ungünstig. Zwar habe ich ohne Nachhilfestunden das Abitur bestanden. Aber erstens ist das schon fünf Jahre her, und zweitens habe ich inzwischen oft genug gehört, daß man auf den deutschen Gymnasien heutzutage nichts lernt. Noch dazu auf den Mädchengymnasien, an denen die jungen Dinger doch nichts anderes im Kopf haben als ihr Make-up.

Wenn ich mich damals, nachdem die Backfischträume von Pianistin und Urwaldärztin ausgeträumt waren, wenigstens hätte entschließen können, Volksschullehrerin zu werden! Dann wäre ich mit meiner Ausbildung jetzt fertig. Sie läßt zwar, wie wir täglich in den Zeitungen lesen, in ihrem allgemeinen Niveau viel zu wünschen übrig; aber immerhin, ich wäre dann doch etwas. Nur, das anzustreben, schien mir damals nicht ratsam. Es war ja bekannt, wie wenig wohl sich die Volksschullehrer fühlten, weil der Staat nichts für sie tat.

Ich war mir ganz sicher: trotz der Überfüllung und all der anderen viel zitierten Mißstände wollte ich auf die Universität. Nicht der vielbesungenen Burschenherrlichkeit wegen, die ja auch für die aufgeschlossenen weiblichen Studenten ihre amüsanten Seiten hat. Auch nicht, um mir einen „Akademiker“ zu angeln, denn den hatte ich zu Abiturszeiten bereits in der Tasche, wenn man so sagen darf. Nein, ich wollte etwas lernen. Was? Natürlich irgend etwas Geisteswissenschaftliches. Philosophie nicht, das schien mir zu schwierig: Sprachen auch nicht, weil ich hierfür die rechten Voraussetzungen nicht zu besitzen glaubte. Um es kurz zu machen und gleich zu gestehen: Ich entschied mich pro forma und hoffte, an Ort und Stelle und im Laufe der Zeit schon noch Genaueres zu erfahren.

Hätte es doch vor fünf Jahren bereits die Aussicht auf eine Zwischenprüfung gegeben! (Man liest jetzt soviel Rühmendes davon.) Dann wäre ich gezwungen gewesen, mich gleich im ersten Semester intensiv zu fragen, was gerade ich, die ich doch den selbstbewußten und zielsicheren Kommilitonen den Platz wegnahm, auf der Universität suchte. Weibliche Studenten, die ohne genaue Vorstellungen „irgend etwas Geisteswissenschaftliches“ studieren wollen – man weiß ja, wie das aussieht. Nicht zufällig haben die Statistiker schließlich herausgefunden, daß jede zweite Studentin eine Frauenzeitschrift liest und daß nur ein Bruchteil aller Studienanfängerinnen sein Studium beendet. (Man sollte die Frauenzeitschriften verbessern.)

Um also wenigstens den Anschein jenes zielbewußten Willens zu erwecken, den man von mir erwartete, blieb mir nichts anderes übrig, als – mit schlechtem Gewissen zwar, jedoch detailliert und optimistisch – ein Studienziel zu erfinden, wann immer ich danach gefragt wurde.

Aber es kommt noch schlimmer: statt nun eifrig zu studieren, das heißt, Vorlesungen nachzuarbeiten, Seminare voll philologischer Begeisterung mit überdurchschnittlichen Beiträgen zu versorgen, hörte ich mir zunächst einmal möglichst viel an und tat doch sonst buchstäblich nichts anderes, als meine halbfertigen Gedankengebäude voller Ästhetik und Kunsttheorie durch mehr oder minder wahllose Privatlektüre auszubauen. Außerdem ging ich drei Semester lang in Berlin und Wien wenigstens zweimal wöchentlich ins Theater, in die Oper oder ins Konzert. Bitte, wie kann ich diese dreisemestrige Bummelei, die den Staat furchtbar viel Geld gekostet hat, jemals vor mir selbst und anderen, fleißigeren Staatsbürgern rechtfertigen?

Dann zog ich in eine kleinere Universitätsstadt, um endlich zielstrebig zu arbeiten. Bald darauf habe ich mich verlobt. Es ist nun zwar erwiesen, daß bei den sogenannten „großen Männern“ die Verlobungszeit eine der produktivsten Phasen ihres Lebens darstellt; aber daß alles Persönliche die Frauen von ihren sachlichen Pflichten ablenkt, wird jeder Arbeitgeber (und jeder Professor ebenso) nur allzugern bestätigen. Inzwischen habe ich nun auch noch geheiratet; wie sollte es bei einer so oberflächlichen Studentin wie mir wohl anders sein. Und nicht nur das: ich habe aus diesem Anlaß, statt endlich intensiv um den Studienabschluß zu ringen, sogar die Unverfrorenheit besessen, ein Vierteljahr durch Südosteuropa zu reisen.