Xenophons „Hieron“: ein aktueller Klassiker

Leo Strauß: Über Tyrannis, eine Interpretation von Xenophons „Hieron“ mit einem Essay über „Tyrannis und Weisheit“ von Alexandre Kojève, Neuwied, Luchterhand-Verlag 1963. 241 Seiten. 28,– DM.

Xenophon ist ein Schulautor minderen Ranges, die Klassiker der politischen Philosophie haben unserer Zeit nichts mehr zu sagen, Philologie ist eine langweilige Wissenschaft! Mit diesen drei Vorurteilen vermag die genialbrillante Interpretation aufzuräumen, die Leo Strauß von Xenophons Dialog „Hieron“ gibt. Leo Strauß, der vor dem Nationalsozialismus fliehen mußte und heute an der Universität Chikago Politikwissenschaft lehrt, verdiente, hierzulande besser gekannt zu werden, als es ursächlich der Fall ist. Schlimm genug, daß wir seine epochemachende Arbeit über Hobbes politische Philosophie, die ursprünglich deutsch geschrieben war, noch immer nicht in unserer Sprache haben! Jetzt können wir wenigstens – mit fünfzehnjähriger Verspätung – seine Xenophon-Deutung lesen.

Worum geht es? Xenophon läßt den Dichter Simonides auf zwanzig Seiten (in dem vorliegenden Band abgedruckt) mit dem Tyrannen Hieron über Wesen und Wert der Tyrannis diskutieren. Das Gespräch beginnt mit der Frage des Simonides, welche Lebensform denn nun vorzuziehen sei, die des Privatmanns oder die des Tyrannen. Hieron könne sicher darüber Auskunft geben, da er ja beide aus eigener Anschauung kennengelernt habe. Durch diese Frage und eine Anzahl erstaunter Zwischenbemerkungen, in denen Simonides mehr und mehr zum Lobe der Tyrannis vorbringt, wird Hieron dazu veranlaßt, höchstselbst mit finstersten Farben die Tyrannis und das Los des Tyrannen zu schildern, das ihm nicht einmal erlaubt, friedlich zum Leben eines Privatmannes zurückzukehren.

Sokratische Weisheit

Nachdem Simonides den Hieron geschickt bis zu diesem – natürlich nur halbehrlichen – Geständnis gebracht hat, stellt ihm der Tyrann selbst die Frage, auf die der Dichter und durch ihn Xenophon eine Antwort zu geben wünscht: Wie nämlich eine Tyrannis wenigstens erträglich gestaltet werden könne. Und Simonides entwirft einen Reformplan, den man „das Programm der auf geklärten Tyrannis“ nennen könnte. Hieron hört sich den Plan an und schweigt.

An diesen scheinbar ganz simplen Gang des Gesprächs knüpft Leo Strauß seine Interpretation an, durch die er Geist und Absicht Xenophons (und der „sokratischen politischen Wissenschaft“ überhaupt) herausarbeitet. Er zeigt, wie jede Aussage der Gesprächspartner aus ihrer Situation in Gang des Dialogs und ihren Motiven heraus verstanden werden muß, wie selbst noch das Schweigen und die – Häufigkeit des Gebrauchs bestimmter qualifizierender Adjektive bedeutsam sind, wenn man wirklich erfahren will, was Xenophon uns zu lehren beabsichtigt. Da gilt es ebensosehr die übertriebene Schilderung, die Hieron vom Elend der tyrannischen Existenz gibt, wie die überschwenglichen Lobessprüche des Simonides für den guten Tyrannen zu relativieren und darauf zu achten, was Simonides nicht sagt oder was er – seiner historisch bekannten Persönlichkeit nach – nicht sagen kann, obwohl es Xenophons aus anderen Dialogen überlieferte Auffassung ist.